Ich hatte zwar vor, die gesamte Strecke zu trampen, Andrea hat allerdings darauf bestanden, bis Benevento den Überlandbus zu nehmen. Den überhaupt zu finden, war schon ein Abenteuer für sich, da wir zwar sehr schnell in Neapel waren, dort aber offensichtlich niemand eine Ahnung hatte, wo die Fernbusse abfahren. Vom Hauptbahnhof jedenfalls nicht, was Andrea zuerst dachte, aber nach einer halben Stunde munteren Rätselratens, wen man denn noch fragen könnte, hatten wir dann doch schließlich den richtigen Weg erfahren. In Benevento haben wir nochmals Proviant aufgenommen und da Straßenschilder nicht so Sache der Italiener sind, ging es der Himmelsrichtung nach, dem Stand der Sonne folgend, Apice entgegen, mal trampend, mal fußläufig. Vom neuen Apice aus, bis dahin war es der einfache Teil, mussten wir dann wiederum den Weg zur alten Stadt finden und dort endlich angekommen, einen Eingang in die Geisterstadt.
Im alten Apice gibt es am äußersten Stadtrand noch einige bewohnte Gebäude, das alte Schloss, ein paar Cafés, ein Hotel und eine Pizzeria. Andreas Idee, einen uneinsehbaren Straßenzug zu suchen, um dort über die Zäune zu klettern, hatte zwar durchaus etwas für sich, wenn man den darauf steht, unnötigerweise über fast drei Meter hohe Zäune zu klettern, aber ich konnte ihn dann doch überzeugen, mir durch eines der alten Häuser zu folgen, um auf der anderen Seite wieder aufzutauchen.
Ähnlich wie in Pompeji, der antiken Stadt, betritt man das alte Apice am äußeren Stadtrand, auch hier aber ohne anfangs zu bemerken, dass es nur der StadtRAND ist, nicht bereits die ganze Stadt. Um Apice nämlich wirklich zu betreten, muss man erst seinen Weg finden vorbei an teilzerstörten Gebäuden und durch überwucherte Gassen. Der Dschungel der Großstadt ist ein Witz gegen den echten Dschungel von Apice. Hat man das aber geschafft, erschließt sich einem ein mittelalterliches Dorf Mittelitaliens in seiner ganzen Pracht und zeitgleich eine seit Jahrzehnten verlassene Geisterstadt. Neben dem reinen Sehenswerten, das sich einem dort zeigt, bietet der Umstand, dass es sich eben um eine Geisterstadt handelt, noch ganz andere Vorteile, allemal dann, wenn man zu zweit ist. Beim „Dachziegelzielwurf“ stand es am Ende unentschieden, „Schornsteineinwurf“ habe ich gewonnen, „Löcher erweitern“ Andrea, um nur einige der spontan ersonnen Disziplinen der ebenso spontan ausgetragenen Geisterstadtolympiade zu nennen. Das Siegermahl war Pizza, im Sinne des Olympischen Gedanken gab es die natürlich für uns beide alle Teilnehmer, und den Abend ausklingen lassen haben wir über den Dächern des alten Apice, irgendwo im Herzen der Geisterstadt.
Da das Schloss am Stadtrand, im schmalen, noch bewohnten Streifen der alten Stadt, für Touristen zu besichtigen ist, kostenlos noch obendrein, haben wir uns das natürlich nicht entgehen lassen, was belohnt wurde mit einem fabelhaften Rundumblick vom Bergfried über das gesamte Land ringsum. Da sich Andrea für das Trampen an sich nicht wirklich erwärmen konnte, ging es trampend nur zurück bis nach Benevento, um dort dann wieder den Bus nach Neapel zu nehmen.
Kommentar schreiben