Geschenk mit Anhang

Die vergangenen Tage in Venedig waren nicht eintönig, aber sehr ähnlich, die vergangenen Nächte waren ungleich spannender. Da Mario ja von vorneherein gesagt hatte, drei Tage kann ich bleiben, musste ich am Abend des dritten Tages umziehen. Venedig ist mir inzwischen vertraut genug, sodass ich weiß, der Campo S. Margherita ist der bei weitem beste Platz, um jemanden zu treffen. Mit meinem Schild am Rucksack habe ich mich abends also wieder einmal lesend neben denselben gesetzt und wurde irgendwann von einem Australier angesprochen, der es gesehen hatte und neugierig war. Mich mit diesem unterhaltend hat sich ein Mädel neben uns eingeschaltet, nach Feuer gefragt und gesagt, wenn ich wolle, könne ich bei ihr schlafen. Mit ihren Freunden haben wir auf dem Platz bis nachts noch Frisbee gespielt, immer wieder sind ein paar fremde Leute dazugekommen, insgesamt sehr nett.
Die folgende Nacht hatte ich leider kein Glück. Nachdem ich stundenlang auf dem Platz gewartet habe, bin ich spätnachts schließlch weitergezogen, einfach durch die Gassen Venedigs, bis ich mich nach Sonnenaufgang schließlich weit im Osten der Insel in meine Hängematte gelegt habe. Obwohl ich genau wusste, dass ich dort einen sehr schönen Park hätte, ging es trotzdem nicht früher, da die Carabinieri es nicht allzu gerne sehen, wenn man in Italien irgendwo wild zeltet. Wie s mit wild hängematten aussieht, wollte ich daher nicht zwangsläufig herausfinden.
Nacht Nummer drei nach Mario hat sehr erfolgsversprechend und noch ungleich interessanter begonnen, sah gleich doppelt nach einem weiteren Niederschlag aus und fand schließlich aber doch einen sehr schönen Ausklang. In einem Restaurant wurde mir von einem besetzten Haus im Westen der Stadt erzählt, wo ich hinkönne. Besetzte Häuser kenne ich bisher nur aus den Nachrichten, es hätte also eine ausgesprochen interessante Nacht werden können, allerdings war der einzige der Bewohner, den ich nach langer Suche ausfindig machen konnte, ausgesprochen unfreundlich. Selbst nachdem ich jemanden aus der Nachbarschaft hinzugeholt hatte, um ihm mein Englisch zu übersetzen, wurde es nicht wirklich besser, sodass ich mangels Alternative schließlich wieder zurück bin zum Campo S. Margherita. Nachdem ich dort vier christliche Wanderer getroffen habe, die, gerade in Venedig eingetroffen, ebenfalls noch keine Unterkunft hatten, haben wir uns einfach zusammengesetzt und erstmal den Abend genossen.
Vier Freunde, zwei Deutsche, zwei Amis, die alle in London leben und als Missionare tätig sind, die beschlossen haben, von Deutschland aus nach Venedig zu wandern, lediglich auf Gott vertrauend, der ihre Schritte lenken solle. Definitiv nicht meine Welt, aber allen Widrigkeiten zum Trotz, auf die sie unterwegs trafen, sie haben es wohlbehalten in die Stadt geschafft. Es scheint, für sie zumindest, also zu funktionieren. Da für sie der Weg das Ziel war, wollen sie sich in Venedig aber nicht aufhalten und nach dieser einen Nacht bereits wieder abreisen. Diesmal allerdings getrennt, einer per Flugzeug, einer per Bahn, einer per Bus und einer zu Fuß. Da alle unterschiedliche Ziele und verschiedene Ankunftszeiten an diesen haben, hat es sich so ergeben. Mit Nico habe ich überlegt, ob wir zusammen gen Deutschland trampen sollen, allerdings wollten die vier am Morgen noch in eine Kirche außerhalb der Stadt auf dem Festland, sodass es schwierig geworden wäre, sich auf der Autobahn dann zu treffen.
Nachdem die vier dann doch auf der Suche nach einem Hostel weitergezogen sind, ist kurz darauf ein Typ zu mir gekommen - mein Schild hatte ich nach wie vor an meinem Rucksack - der mir anbot, wenn er heute Abend kein Mädel trifft, um es zu sich einzuladen, könne ich sein Gästebett nutzen. Mit ihm zu seinen Freunden gehend, dachte ich also, zumindest höchstwahrscheinlich wen gefunden zu haben, bis er dann plötzlich weg war. Weder ich noch seine Freunde haben mitbekommen, warum er wohin gegangen war, da er allerdings nicht wiederkam, schien er definitiv weg zu sein. Da Nicolo, der erste seiner Freunde, den er mir vorgestellt hatte, von dieser Aktion alles andere als begeistert war, hatte er mir gesagt, ich könne dafür bei ihm schlafen.
Soweit also zu den Nächten. Um jetzt aber endlich auf den Titl zurückzukommen und meinen bereits erwähnten Gedanken, nach Deutschland zurückzukehren: das Geschenk. In diesem Restaurant, in dem ich von dem besetzten Haus erfahren habe, habe ich, der Hauptgrund, warum man Restaurantes betritt, etwas gegessen und, selbstverständlich, dazu etwas getrunken. Von Venedig weiß manch einer eventuell, dass Murano, eine der Inseln, weltbekannt ist für seine Glasbläserkunst und mein Glas bei diesem Mahl war aus echtem Murinoglas in der einzig wahren Lieblingsfarbe meiner Mutter. Die Art des Glases fand ich darüber hinaus so ansprechend, dass ich gleich nachgefragt habe, woher das Glas stamme und am begeisterten Tonfall meiner Frage, verbunden mit dem erwähnten Hintergrund, brachte die Kellnerin dazu, mr das Glas für sie zu schenken. Da ich das weder erwartet noch beabsichtigt hatte, war ich sehr überrascht, aber natürlich umso erfreuter, stand damit aber anschließend vor dem Problem, ein kostbares Glas sicher transportieren zu müssen.  Zwar wäre es mit Sicherheit möglich, es die Reise über sicher zu verwahren, aber da ich kein Freund von unnötigem Risiko bin - für Freunde und Familie hier eine kurze Pause um laut aufzulachen :D - habe ich mich dann doch dazu entschlossen, sicherheitshalber nach Hause zurückzukehren, um das Glas dort bruchsicher zu wissen.
Venedig fußläufig zu verlassen, ist möglich. Die sich über die Lagune spannende Brücke, die die Hauptinsel Venedigs mit dem Festland verbindet, ist ausgelegt für Züge, Autos und auch Fußgänger und Radfahrer, jeweils mit getrennten Abschnitten. Von Radfahrern wird der Weg auch sehr rege genutzt. Über die Brücke laufend bietet sich einem ein wunderschöner Ausblick über Venedig, die Küste und die Adria. Venedig fußläufig zu verlassen rate ich keinem.
Von der Stadt aus sind es über acht Kilometer bis zum nächsten Anzeichen von menschlichem Leben, knallende Sonne, selten Schatten, niemals Wasser. Da man als Fußgänger hinter der Brücke abbiegen muss, die weiter geradeausführende Hauptstraße ist nur für Autos, kommt man auf eine kaum befahrene Nebenstrecke. Da mir das Wasser schon vor Kilometern ausgegangen war, habe ich schließlich das erste mir überhaupt begegnende Auto schlicht gestoppt, um um Wasser zu bitten. Der Fahrer war zufällig Deutscher, der mich zwar nicht mitnehmen konnte, der er zum Industriehafen unterwegs war, aber Wasser zumindest, dass ich nötiger hatte als alles andere, da ich gefühlt kurz vor dem Hitzschlag stand, konnte er mir etwas geben. Dank diesen lebensrettenden Nass habe ich es bis zum Ende der Straße geschafft, die aber in einem Industriegebiet endete, das sonntags selbstverständlich vollkommen verlassen war. Zwar fand ich einige offenstehende Gebäudekomplexe, aber mit keiner Menschenseele irgendwo, auf Rufen kam keinerlei Reaktion und die Toiletten waren verschlossen, andere Wasserhähne gab es keine.
Nach weiterem langem, wasserlosen Marsch durch das verlassene Industriegebiet, tauchte hinter mir schließlch doch noch ein Mensch auf, der sogar fließend Englisch sprach. Noch viel besser war die Tatsache, dass er auf dem Rückweg zu seinem Auto war und mir anbot, mich zu der Tankstelle an dem Zubringer zur Autobahn zu bringen. Zwar liege diese nicht auf seinem Weg, doch da er in seiner Jugend ebenfalls getrampt sei, freue er sich, mir helfen zu können. Angekommen an der Tankstelle und nach dankbarer Verabschiedung, gab es dort schlussendlich endlich wieder Wasser.
Mit einem Auto auf die Autobahn kommend, hatte ich gehofft, heute möglicherweise in die Nähe von Mailand kommen zu können. Da ich reichlich Erfahrung damit habe, in Italien zu trampen, habe ich den direkten Weg von Venedig nach Deutschland, geradewegs nach Norden, von vorneherein ausgeschlossen. Über Mailand zu fahren, bedeutet zwar einen großen Umweg, aber einen Umweg mit viel Verkehr in meine Richtung. Nichtsdestotrotz braucht es erfahrungsgemäß unglaublich lange, sich in Italien trampend zu bewegen. Dementsprechend froh war ich, an dieser Tankstelle auf der A57 einen Schweizer Wagen zu sehen. Zwar habe ich keine Ahnung, wofür AG steht, durch meine Reisen in und durch die Schweiz weiß ich aber, AG liegt direkt hinter Basel. Da auf dem Anhänger lediglich ein Motorrad stand und die Rückbank leidlich frei war, standen die Chancen sehr gut, dass der Fahrer zumindest Platz für mich hätte und höchstwahrscheinlich auf dem Rückweg zurück in die Schweiz wäre. Dafür nehme ich dann auch gerne eine halbe Stunde Wartezeit in Kauf, die es brauchte, dass Klaus und Linda schließlich wiederkamen und nicht lange überlegen mussten, mir eine Mitfahrt anzubieten.
Bis zur Höhe von Luzern ging es schlussendlich, also sogar ein ganz klein wenig hinter Mailand. Dort habe ich dann nach längerer Wartezeit, in der ich meinen Proviant wieder füllen konnte, noch jemanden finden können, um mich Basel anzunähern. Die Deutsche Autobahnraststätte Weil am Rhein ist die erste Raststätte auf deutscher Seite, direkt an der Grenze gelegen und mir bestens bekannt, da geradezu ideal zum Trampen. Jeder, der sie kennt, hält dort zum Tanken oder um sich zu stärken, da es dort wieder deutsche Preise gibt, die doch ein ganz klein wenig geringer ausfallen als die in der Schweiz und mehrfach habe ich dort schon jemanden aus dem Bergischen getroffen. Zurückkommend von Rimini und San Marino sogar einmal einen Remscheider. Mein Ziel war es ergo, genau dort hinzugelangen und tatsächlich habe ich noch jemanden gefunden, der zurück nach Basel wollte und nahe genug an der Grenze lebt, um mich eben dort hin zu bringen.
Inzwischen nach Mitternacht, kurz vor eins, habe ich zwar noch versucht, wen zu finden, und es kamen sogar noch einige Belgier und Franzosen, aber gedanklich hatte ich mich darauf eingestellt, die Nacht dort zu verbringen, um am Morgen mein Glück zu versuchen. Als ein Neusser an mir vorbeifuhr. Ich bin natürlich sofort hinterher und nachdem alle drei Kinder zugestimmt hatten und mir sogar der Beifahrersitz überlassen wurde, ging es die Nacht hindurch gen Neuss. Um kurz nach fünf stand ich schließlich südlich von Köln an der Auffahrt zur A1, das Schild "REMSCHEID" in der Hand und kurz darauf ging es erst Lennep und schlussendlich Beyenburg entgegen.

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