Unzählige Male wurde es versucht. Unzählige Male wurde daran gescheitert. Ob alleine oder gemeinsam, nie ist auch nur ein Versuch geglückt. Andorra ist unbezwingbar.
Gewesen.
Bis jetzt.
Ok, die „unzähligen Male“ waren, Hin- und Rückweg mitgezählt, insgesamt vier Versuche, aber geschafft nach Andorra habe ich es trotzdem nie, weder damals unterwegs mit Vic noch bei meiner zweiten Spanienreise über Portugal nach Afrika. Jedesmal auf dem Hinweg hatte ich einen Lift direkt durch nach Barcelona bzw. gleich fast nach Manresa (Hi Marina btw. :) ) und auf dem Rückweg hatte ich es einmal wegen Vics Uni, einmal wegen Vatertag, zu eilig, noch einen Zwischenstopp einzulegen. Diesmal sollte es deswegen gezielt nach Andorra gehen, direkt und ohne Umwege. Geklappt hätte es trotzdem beinahe nicht, zumindest nicht in dieser letzten Nacht.
Vic hat mich noch bis zu einer Tankstelle gebracht, von der ich gut wegkäme, direkt an der Autobahn und fußläufig erreichbar. Den Weg hatte er bei seiner letzten eigenen Reise zufällig entdeckt und zurecht als wahren Schatz für uns Tramper erkannt. Ein Stück außerhalb Paris', sodass die meisten Einheimischen, die nur tanken wollen, wegfallen, und groß genug für reichlich Verkehr. Er selbst, so gerne er wieder mitgekommen wäre, musste zur Uni, diesen nächsten Versuch, den größten der europäischen Zwergstaaten zu erreichen, würde ich also wieder alleine antreten müssen.
Nach einem ganz passablen Start und einer bis dahin ereignislosen Reise, bin ich schließlich irgendwo im südlichen Frankreich steckengeblieben. Die Raststätte war riesig mit selbst für diese Größe viel Verkehr, aber leider an einer großen Abzweigung Richtung Süden gelegen, die wesentlich häufiger frequentiert wird als die für mich leider einzig machbare Richtung Westen. Nach mehreren Stunden des Wartens, in denen ich zwar viele nette Leute getroffen und interessante Gespräche geführt habe, unter anderem sogar mit zwei anderen Trampern, die Richtung Süden unterwegs waren (und schneller mitgenommen wurden, als ich gucken konnte), aber keinen Meter voran kam, war Zeit für's Abendessen. Zuletzt hatte ich gefrühstückt, Mittag fiel flach, ich hatte entsprechend Hunger. Problem war allerdings, dass es dort für mich nichts gab und meine mitgenommenen Vorräte recht bescheiden ausfielen. Aber hey, zumindest besser als nichts. Soweit zur Halbzeit der Erzählung, dem ziemlich ereignislosen Teil der Reise, und Vorhang auf für die erste Heldin des Tages, Sofie.
Es gibt vermutlich unzählige Klischees über die Zeugen Jehovas. Einige mögen stimmen, aber lange nicht alle, und etwas Schlechtes konnte ich bisher aus eigener Erfahrung nie erzählen. Im Gegenteil habe ich sogar einige sehr nette und interessante Gespräche führen können. Sofie aber hat das noch auf eine ganz andere Klasse gehoben. Sie kam mit ihrer Familie in die Raststätte, um selber Abendbrot zu essen, bevor es weiterging, und zufällig kamen sie an den Tisch neben mir. Nach einiger Zeit hat ihre Tochter meinen Rucksack bemerkt, war wohl neugierig und wir kamen darüber ins Gespräch, was ich mache, wo ich hinwill etc., und im Zuge dessen hat sie mich eingeladen, ihr Mahl mit mir zu teilen. Um mögliche Kommentare vorwegzunehmen: es gab keine „Bekehrungsversuche“ (nennt man das in dem Fall so?) oder dergleichen, dass sie Zeugen Jehowas sind, habe ich erst quasi im Aufbruch erfahren. Vielmehr ist ihre Einstellung und Überzeugung, das was sie hat, mit denen zu teilen, die weniger haben. Wie viel schöner wäre die Welt, gäbe es mehr Menschen wie Sofie, die nicht nur so reden, sondern so handeln und leben. Da ich, wie gesagt, viele Klischees und Vorurteile über Zeugen Jehowas gehört habe, war es mir einfach mal ein Bedürfnis, dieses Erlebnis zu erwähnen.
Nach meinem, so also erfreulich überraschend reichhaltigen Abendessen, habe ich auf ein Neues versucht, von dieser Raststätte wieder wegzukommen und bin dabei prompt des Trampers schlimmsten Feind direkt in die Arme gelaufen. Es gibt für uns wenig Schlimmeres, als Menschen, die zwar helfen wollen, aber keine Ahnung haben. Mein bis dato mit weitem Abstand schlimmstes Erlebnis war im November 2013, hoch im Norden Schwedens, nahe der norwegischen Grenze. Spätabends, am Rande des letzten Vorpostens der schwedischen Zivilisation, war ich auf dem Weg nach Narvik, dem ersten größeren Vorposten in Norwegen. Es war nordischer Winter, eisig kalt und der Beginn eines aufziehenden Schneesturms. Ein alter Schwede, kaum des Englischen mächtig, wollte mir helfen und hat mich außerhalb des Ortes abgesetzt, an einer unbeleuchteten Straße nahe einer fast brusthoch verschneiten Parkbucht. Wie er mir absolut richtig freudestrahlend verkündet hat, müsste jeder Wagen Richtung Narvik genau dort entlang, d.h. jedes Fahrzeug, dass mich dort passiert, wäre eine potenzielle Möglichkeit für mich. Das Blöde war nur, dass ich für jedes Fahrzeug, dass mich dort passiert, absolut unsichtbar war im Dunkeln. Das konnte ich ihm aber nicht nur aufgrund der Sprachbarriere nicht verständlich machen, sondern auch rein praktisch nicht, da er, nachdem ich ausgestiegen war, umgehend wieder gefahren war, sodass ich geschlagene zwölf Kilometer zurücklaufen konnte, durch hohen Schnee stapfend, mit zentnerschwerem Rucksack und ihn nicht einmal verfluchen könnend, da er mir ja nur helfen wollte.
So schlimm war mein neues Erlebnis dieser Art glücklicherweise nicht, aber aufgehalten auf meinem Weg gen Andorra hat es mich trotzdem für einige Stunden. Eine Frau, die ich auf dem Parkplatz bereits angesprochen hatte, kam mir nachgefahren und bot mir an, mich, obwohl es zwar nicht ihre Richtung wäre, trotzdem ein Stück mitzunehmen, sodass ich wenigstens die nächste Tankstelle erreichen könne. Sei es aufgrund eines Missverständnisses, eines Fahrfehlers ihrerseits oder warum auch immer, ist sie dann aber in die falsche Richtung gefahren, die entgegengesetzte nämlich. Sie konnte nicht mehr wenden, ich konnte nicht einfach über die Fahrbahn laufen und es ging immer weiter zurück nach Paris. Da ich aber ähnliche Situationen zum Glück schon kannte und auf dem Hinweg die Umgebung im Auge behalten habe, wusste ich, dass irgendwann eine Raststätte kommen musste, mit Brücke auf die andere Seite. Gefühlt noch ewig hin, aber immerhin soweit ein Lichtblick, dass ich nicht vollkommen den Weh verlieren würde. Bis ich da dann aber angekommen war, auf der anderen Seite von jemandem mitgenommen wurde und schlussendlich wieder an genau der Raststätte ankam, an der ich, Stunden vorher, Sofie getroffen hatte, war es schlussendlich Nacht geworden. Viel Lärm um Nichts also oder so ähnlich.
Da ich mich nicht damit zufrieden geben wollte, nicht mehr weiterzukommen, habe ich mein Glück noch einmal versucht und ein altes Ehepaar gefunden, dass bis nahe Toulouse fahren wollte, einen Platz frei hatte, Englisch konnte und bereit war, mich mitzunehmen. Dort dann angekommen, an einer kleinen Raststätte und spät in der Nacht, hatte ich nicht die Hoffnung, noch wieder wegzukommen an diesem Tag und mich vor dem einsetzenden Regen nach drinnen verzogen. Womit ich aber nicht gerechnet habe waren, Vorhang auf für die Helden Nummer zwei und drei, Tino und Valentina. Ein junges Pärchen mit altem Golf und Motorpanne auf dem Weg nach, Trommelwirbel bitte, Andorra. Nicht la Vella, aber zumindest ins richtige Land. Sollte Tino den Motor wieder flott kriegen, würden sie mich mitnehmen.
Da der Mensch nicht immer nur Pech haben kann, saß ich eine halbe Stunde später auf dem Rücksitz meinem Ziel entgegen fahrend. Irgendwo ein Stück hinter der Grenze wollten die beiden zwar ein Zimmer für die Nacht nehmen, aber zumindest wäre ich endlich in Andorra. Was für mich dann aber sogar noch besser kam, aus mir nicht weiter bekannten Gründen hat sich Tino während der Fahrt umentschieden, lieber doch direkt nach Andorra la Vella zu fahren.
Um von Frankreich bei Nacht nach Andorra la Vella zu kommen, muss man, warum weiß der Himmel, anscheinend über Spanien fahren. Vielleicht ist der Pass geschlossen, vielleicht die Grenze, keine Ahnung. Vorzeigen musste ich meinen Pass jedenfalls an der andorrisch-spanischen Seite. Wer sich jetzt wundert, obwohl beide Länder der Staatsoberhäupter zur EU gehören und Andorra eigene Euromünzen prägt, gehört es nicht zu Europäische Union. Auch wenn die Einreise problemlos möglich ist, benötigt man trotzdem seinen Perso oder Reisepass zur Einreise.
Ziemlich genau direkt hinter der Grenze musste Tino anhalten, da wir mitten in einen Schneesturm gefahren sind. Ohne Schneeketten ging gar nichts. Nicht nur, dass die Straße innerhalb von Minuten komplett verschwunden war, selbst wir waren quasi in nullkommanichts komplett weiß, nachdem wir ausgestiegen sind. Was allerdings ideale Voraussetzungen für eine spontane Schneeballschlacht waren, da man das Material direkt auf der Jacke hatte. Wieder im Wagen ging es dann in Serpentinen die Berge hoch mit Sichtweite von wenigen Metern, einem Sichtfeld, das zur Hälfte von Schneeflocken verdeckt und einer Straße, die allenfalls zu erahnen war. Wir waren das erste Fahrzeug, es gab keine Spuren, denen man hätte folgen können, und da eine Leitplanke meistens fehlte, war die einzige Art der Spurbegrenzung der Berg zu unserer Linken und rechts von uns der abfallende Hang in die Tiefe. Allerdings war Tino ein guter Fahrer und bis zum Unfall wurden wir von Unfällen verschont. Und der passierte Gott sei Dank nicht uns, sondern einem Wagen, den wir im Graben steckend fanden. Wären wir von der Spur abgekommen, wäre unser Graben um einiges tiefer gewesen als der für den Unglücklichen, der bergab fahrend von der Straße abgekommen und lediglich einen halben Meter im Schnee versackt ist. Nichtsdestotrotz steckte er fest, aber zumindest ist er vorher nicht noch den Berg runtergefallen.
Ein feststeckendes Auto wieder flottzukriegen ist per se schon nicht so einfach. Ein feststeckendes Auto wieder flottzukriegen, dass zum Einen auf einem Erdwall aufsitzt und zum Anderen einen halben Meter tief im Schnee vergraben liegt, ist schon ungleich schwieriger. Aber ein feststeckendes Auto wieder flottzukriegen, dass auf einem Erdwall aufsitzt und einen halben Meter tief im Schnee vergraben liegt, während draußen ein Schneesturm tobt, dürfte so ziemlich die Königsdisziplin sein. Abschleppen war sinnlos, da die gesamte Straße zu tief verschneit war, als dass es irgendetwas gebracht hätte, trotz mehrfacher Versuche. Ohne vernünftige Schaufeln war an ein freigraben des Wagens nicht zu denken, da der Schnee schneller fiel, als wir ihn mit unseren Händen wegschaffen konnten. Stöcke, die man unter die Reifen hätte schieben können, könnte es in der Gegend durchaus geben, aber bis wir die unter dem Schnee gefunden hätten, wären die Autos unter selbigen vermutlich nicht mehr zu sehen gewesen. Was tun sprach Zeus?
Nachdem abschleppen flach fiel, Tinos Auto also effektiv nicht nutzbar war, haben wir schließlich die Schneeketten von seinen Reifen genommen und sie, unter einigen Mühen, dem anderen Auto aufgezogen. Dieses hatte keine, was vermutlich der Grund war, warum es überhaupt im Graben gelandet ist. Zu viert, Tino, Valentina, der Sohn des Fahrers und ich, haben wir dann alles menschenmögliche versucht, den Wagen aus dem Graben zu kriegen, während der Fahrer des Wagens, ein älterer Asiate (Japaner) versucht hat, ob die Räder nun mit den Schneeketten wieder Grip fassen. Es war insgesamt noch ein längerer Akt und im Anschluss mussten wir unter dem Schnee noch eine der Schneeketten suchen, die sich gelöst hatte, aber schlussendlich hatten wir es irgendwann geschafft. Der Wagen ist erst ein Stück auf dem Erdwall geschleift, schließlich wieder gerollt und schlussendlich war er wieder auf der Straße. Am Ende der ganzen Aktion kam dann sogar noch ein Schneepflug vorbei, dem die beiden nach überschwänglichem Dank hinterhergefahren sind. Dessen Fahrer hat sich nach kurzem Gespräch bereit erklärt, die beiden bis zur nächsten Stadt zu eskortieren. Für uns bedeutete die Ankunft des Schneepfluges, dass die Straßen bis Andorra la Vella endlich geräumt waren, zumindest solange der immer noch schnell fallende Schnee sie nicht wieder in Besitzt nahm. Dort final endlich angekommen, annähernd um fünf Uhr morgens, wollten sich Tino und Valentina ein Hotel suchen und ich mir, nach herzlicher Verabschiedung, meine eigene Unterkunft. Da ich nicht weiter in Stimmung war, großartig etwas zu suchen, habe ich mich mit einem beheizten Treppenhaus beschieden, das von der oberen Altstadt zur unteren führt und somit durchgängig geöffnet ist. Sturmgeschützt, warm, was braucht man mehr nach diesem Tag?
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