Andorra ist mir einfach nicht gegönnt. Kurz nach meiner Ankunft kam ein Anruf von Zuhause, dass mein Vater meine Hilfe braucht, so schnell wie irgend möglich. So schnell wie irgend möglich heißt in diesem Fall, die Besichtigung der höchstgelegenen Hauptstadt Europas, die ich gerade erst begonnen hatte, im Schnelldurchlauf beenden, in die Richtung auslaufend, die für mich maßgeblich ist: Andorra. Ich muss mich durch ein Land durchschlagen, das keine Autobahnen kennt, dass sich noch immer mitten im Winter befindet, der Winter in den Pyrenäen wohlbemerkt, und dessen Hauptstadt, in der ich mich gerade befinde, durch den Schneesturm letzte Nacht, vom Rest des Landes abgeschnitten war. Auch wenn die Straßen wieder frei sind, ist der größtenteils zum Erliegen gekommene Verkehr noch lange nicht wieder vorhanden. Dementsprechend lange dauert es, bis ich überhaupt irgend einen Wagen finde, der mich aus der Stadt selbst wegbringt, nachdem ich selbige einmal vollständig zu Fuß durchquert habe.
Mit dem ersten Wagen ging es immerhin einige Kilometer weit, sodass ich aus der Stadt raus war, ab dann hieß es aber laufen. Lange laufen. Beim ersten Schigebiet gab es dann aber immerhin eine sehr nette Überraschung, den auf dem Parkplatz kam mir ein alter roter, mir sehr bekannt vorkommender Golf entgegen, aus dem mir dann auch in der Tat Tino und Valentina entgegengewunken haben. Die Welt ist eben ein Dorf und Andorra sowieso.
Nach einigen Kilometern, während derer ich mir mangels Verkehr zumindest die malerische Landschaft und die alten Dörfer, die ich durchquert habe, angucken konnte, hat mir mein Star-Wars-Schild schließlich doch noch etwas genutzt. In der Tankstelle am Rande von Andorra la Vella hat mir der dortige Tankwart zwar Pappe geben können, um mir ein Schild zu malen, nachdem er aber gesehen hat, dass ich mehrsprachig Frankreich geschrieben hatte, hat er mir ein kleines Stwar-Wars-Poster in die Hand gedrückt, auf dessen Rückseite er „PAS DE LA CASA“ geschrieben hatte. Die wenigsten Menschen in Andorra fahren wohl direkt nach Frankreich, aber dieser Pass bildet die Grenze. Warum Andorraner nicht assoziieren können, dass mir, wenn ich nach Frankreich möchte, auch ein Lift lediglich in die Richtung von Frankreich helfen würde, ist mir ein Rätsel, aber da ich mit meinem Pappschild keinen Erfolg verzeichnen konnte, nach Umstellung auf Star Wars aber recht schnell wen gefunden hatte, scheint da etwas dran zu sein. Nachdem ich gefühlt das halbe Land zu Fuß durchquert hatte, war ich also endlich wieder motorisiert unterwegs, geradewegs Richtung französische Grenze und, was sich aber erst während des Gesprächs bei der Fahrt herausgestellt hat, sogar darüber hinaus.
Um von Andorra nach Frankreich zu gelangen, hat man drei Möglichkeiten. Entweder man schlägt sich zu Fuß durch die Berge durch – klingt ausgesprochen reizvoll, aber die Dringlichkeit meiner Ankunft in Beyenburg verbietet es leider – , man nimmt den Tunnel oder den Pass. Da der Tunnel kostenpflichtig ist, das Pass hingegen kostenlos, ist er, wenn es das Wetter hergibt, die bevorzugte Wahl der Einheimischen. Abgesehen davon ist diese Route auch ungleich interessanter. Abgesehen von dem grundsätzlichen Reiz des Pas de la Casa, befindet sich auf dem Gipfel eine Rennstrecke, die auf den Grat gebaut wurde und just zu dem Zeitpunkt, zu dem wir diese passierten, gab es ein Training und Maurice, der Fahrer, war genauso neugierig wie ich, zumindest einen kurzen Blick darauf zu werfen. Verzögert wurde dies lediglich davon, dass ich aus dem Wagen in den Tiefschnee steigen wollte und es zwei Leute gebraucht hat, mich da wieder herauszuziehen. Schneedecken sind leider nicht immer so tragend, wie sie aussehen, dafür aber ungleich widerstandsfähiger, wenn man versucht, wieder herauszukommen...
Lange konnten wir leider nicht bleiben, aber Zeit für ein besonderes Highlight neben dem des Rennens auf dem Gipfel des Berges, gab es trotzdem: den wahrscheinlich einzigen Hard-Rock-Café-Truck der Welt. Da es sich anscheinend nicht gelohnt hätte, ein Gebäude zu errichten, fährt zu jedem Rennen ein kleiner Truck zur Piste, der als offizielles Hard-Rock-Café fungiert.
Wieder zurück auf der Straße ging es mit Maurice zurück nach Frankreich, zu einem kleinen Dorf irgendwo hinter der Grenze. Zwar hatte er mich eingeladen, bei ihm zu übernachten und erst morgen weiterzureisen, aber ich hatte noch ein paar Stunden Tageslicht. Sollte es mir gelingen, die Autobahn zu erreichen, könnte ich bis in die Nacht hinein trampen und so noch eine gute Strecke zurücklegen. Zu Fuß ging es also weiter durch die verschneiten Ausläufer der Pyrenäen im französischen Hinterland. Und trotz eines sehr bescheidenen Verkehrsaufkommens wurde ich tatsächlich noch mitgenommen und in der beginnenden Dämmerung zum Zubringern des nächsten Highways gebracht. Zu Fuß zwar noch ein gutes Stück entfernt, aber noch erreichbar und der Eingang war eine Mautstation. Zum Trampen nicht ideal, aber möglich und dort angekommen gab es sogar einen kleinen Parkplatz direkt dahinter, auf dem ich nach einiger Zeit jemanden gefunden habe, der mich mitnimmt, zurück auf die französische Autobahn und Beyenburg entgegen.
Kommentar schreiben