Wer hat sich nicht schon einmal die Frage gestellt, was im Zoo eigentlich nachts so abgeht. Es gibt nun ja so einige Tiere, die nachtaktiv sind und die man als normaler Besucher normalerweise nicht zu Gesicht kriegt. Oder ob es einen Unterschied macht für die Tiere, wenn mal keine Menschenmassen auf den Wegen herumlaufen. Um diese Frage, zumindest für den Prager Zoo, abschließend zu beantworten: macht es nicht, man sieht nicht mehr als sonst und hört auch nur wenig.
Der Prager Zoo ist eines der Dinge, die Lucas und ich uns damals nicht angeguckt haben. Schlicht und ergreifend deshalb, weil einfach niemand daran gedacht hat. Nachdem ich jetzt aber auf meiner Karte gesehen habe, dass er selbst fußläufig gar nicht mal so weit weg ist, bin ich heute Morgen natürlich sofort los, dieses Versäumnis nachzuholen. Und ich kann nur sagen, es war wirklich ein Versäumnis, er ist einfach wunderschön. Eine Artenvielfalt, die ihresgleichen sucht, ich habe endlich Gaviale gesehen, die meisten Tiere haben ein sehr schön gestaltetes Gehege (Manko wären hier die Greifvögel, deren Käfige ich als viel zu klein erachte, obwohl sie schon für Zoos wirklich sehr groß sind), teilweise sind die Gehege sogar so groß, dass man manche Tiere nicht einmal mehr erkennen kann, wenn sie sich zurückziehen. Das Afrikagehege wäre hier Paradebeispiel. Für die Besucher wird auch einiges getan, Aufklärung über Natur- und Artenschutz, mehrsprachig natürlich, über die Tiere selbst -so konnte man sich Antilopenhörner oder sogar Giraffen- und Elefenatenhaut ansehen und berühren- überall waren bebilderte Wegweiser. Letztere waren auch zwingend notwendig, der Zoo ist in seinen Ausmaßen einfach gigantisch.
Eine halbe Stunde vor Feierabend hört man einen Hinweis, dass der Zoo bald schließe. Da man vom hintersten Winkel zum nächstgelegenen Ausgang allerdings durchaus länger brauchen kann, wenn man den Weg nicht gleich findet, ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass auch eine Stunde nach Feierabend vereinzelt noch Besucher auf den Wegen laufen, die Angestellten sagen nicht mal was dazu. Da die Wege aber so weitläufig sind, stellt es auch kein allzu großes Problem dar, potenziellen Hinweisen dezent aus dem Weg zu gehen. Zwei Stunden nach Feierabend habe ich mich mal kurz zurückgezogen, versteckte Winkel finden sich glücklicherweise ja überall und hatte anschließend den Zoo (fast) für mich allein, nur ich und die Tiere und vereinzelt ein paar Tierpfleger. Da ich mich darauf verstehe, mich auch mit Rucksack lautlos zu bewegen und die Pfleger nicht darauf achten, wie viel früher man sie schon hört, bevor sie in Sichtweite kommen, war aber auch das kein Problem. Und ein bisschen Spaß muss ja auch sein.
Um zur Frage vom Anfang zurückzukommen. Solange es noch Tageslicht gibt, ist es wirklich sehr nett, einen Zoo für sich zu haben, wo man sich völlig frei bewegen kann. Die Dämmerung ist auch noch interessant, hier sieht man zumindest noch die Silhouetten und man hört wieder wesentlich mehr. Sobald dann aber die Nacht hereinbricht, breitet sich Schweigen aus. Die Nachtaktiven hört man nicht mehr und zu sehen gibt es natürlich auch nichts mehr. Eine Sache gab es für mich aber noch zu tun, bevor ich mir auch einen Ruheplatz suchen würde: rauszufinden, wie Giraffen schlafen. Ich weiß zwar theoretisch, dass sie sich nie hinlegen sollen, hat was mit dem Blutdruck zu tun, aber es wirklich selbst zu sehen, ist nochmal was anderes. Um zum Giraffen- bzw- Afrikagehege zu kommen, muss ich aber an drei Stellen mit Kameras vorbei und einer Baustelle, die mit Flutlicht ausgeleuchtet und immer noch in Betrieb ist. Um den normalen Betrieb nicht zu stören, fangen die Bauarbeiter da erst nach Betriebsschluss an und arbeiten entsprechend lange, um schnell fertig zu werden. Da ich aber ja schon während des normalen Betriebes wusste, was ich nachts zu tun vorhabe, konnte ich währenddessen schon für mich herausfinden, wie ich die Kameras umgehe. Von der Baustelle wusste ich vorher noch nichts, aber auch da gibt es ja Möglichkeiten.
Die meisten Kameras kann man komplett umgehen, wenn man längere Umwege akzeptiert. Ich habe keinerlei Zeitdruck. Die einzigen Kameras, an denen man zwingend vorbei muss, sind vor den Elefentengehegen. Allerdings gibt es im Prager Zoo bei manchen Gehegen eine Besonderheit. Sie liegen etwas ab von Hauptweg und ein kleinerer Pfad führt bogenförmig an ihnen vorbei. Einige dieser zurückliegenden Gehege liegen gegenüber den Elefanten. Wenn man es also schafft, bis zum Beginn des ersten Bogenweges außerhalb der Kameras zu bleiben, dann auf diesen abbiegt und anstatt den ersten Bogen zuende zu gehen und wieder auf den Hauptweg zurückzukehren, einen Schleichweg durch's Gebüsch nimmt zum nächsten Bogen des nächsten Weges, kann man die Kameras so vollständig entgehen. Einzige Hürde war wieder das Betreten des Hauptweges nach dem letzten Bogenweg und der Umgehung der letzten Kamera. Nachdem das geschafft ist, liegt jetzt aber hinter der nächsten Biegung des Hauptweges die Baustelle, voller Arbeiter und im hellen Flutlicht. Hier helfen einem jetzt zwei Dinge.
Um zu den Giraffen zu gelangen, muss man eine Brücke passieren, unter der sich eine Zufahrtsstraße für Angestellte und Anlieferer befindet, die den Zoo kreuzt. Die Brücke beginnt direkt am Ende der Baustelle, vor einigen, vermutlich mit Kameras überwachten, Souvenirläden. Es gibt aber unterhalb der Brücke, noch vor der Straße, ein nachgebautes kleines afrikanisches Dorf, an dessen Ende eine schmale Treppe hoch auf die Brücke führt. Im normalen Betrieb wird diese selten genommen, weil die Brücke nicht nur einfach breiter und bequemer ist, sondern neben einem schönen Ausblick auch viele Schautafeln bietet. Unter anderem über die Evolution der Elefanten und Erdgeschichte, wie gesagt ist alles sehr gut gemacht. Das Wissen über diese schmale Treppe hilft zum Einen. Das andere hilfreiche erlebt man, wenn man nachts im Dunkeln Auto fährt. Bis man es selbst einmal aus beiden Perspektiven erlebt hat, kann man sich einfach nicht vorstellen, dass Fußgänger für Autofahrer schlicht und ergreifend unsichtbar sind, wenn sie nichts reflektierendes tragen. Außerhalb des Lichtkegels der Scheinwerfer wird man nicht gesehen. Außerhalb des Lichtkegels der Flutlichter werde ich nicht gesehen.
Die kniffligste Aufgabe für mich besteht also darin, mich der Baustelle zu nähern, herauszufinden wo die Arbeiter sind, mich so weit weg wie möglich von diesen durch den schmalen Streifen Schatten zu drücken, der mir bleibt zwischen Licht und Mauer und auf den Pfad zu schleichen Richtung Dorf. Wer es allerdings gewohnt ist, nachts im Wald Bannerklau zu spielen, also möglichst geräuschlos die gegnerische Flagge zu erobern, sollte auch das gebacken kriegen. Das Dorf ist um die Zeit verlassen, die Treppe liegt weit außerhalb jeglicher Lichtquelle. Kurzzeitig kritisch wurde es noch einmal, als plötzlich ein Auto unterhalb der Brücke langgefahren ist, aber in den Schatten der Balustrade ist auch das gut gegangen. Und dann, am Ende der Brücke, hinter einigen Felsen, erschließt sich mir die nachgebildete Wildnis Afrikas und der sichtbare Beweis: liegende Zebras, liegende Antilopen, stehende Giraffen, sitzende Giraffen und soweit das Auge reicht nicht eine liegende. Ob Giraffen nicht doch nachtaktiv sind und das allen anderen bisher entgangen ist, kann ich natürlich nicht mit Sicherheit ausschließend, ins Gehege klettern werde ich dann doch nicht, aber ich denke, quod erat demonstrandum, Giraffen schlafen im Stehen und Sitzen.
Bei aller Vorsicht, die ich notgedrungen walten ließ, um endlich hierhin zu kommen, habe ich leider nicht bedacht, dass der Nachtwächter, der ja seine Runden dreht, vor mir über die Brücke gegangen sein könnte. Dieser Teil des Zoos ist eine Sackgasse, d.h. der gute Mann musste zwangsläufig wieder zurück über die Brücke und dafür genau an mir vorbei. Eine kleine Schonfrist hatte ich noch, da ich im Schatten stand, aber sobald er mich entdeckt hatte, stand ich auch schon im Lichtkreis der Taschenlampe.
Die Größe des Zoos im Zusammenhang mit einer Sprachbarriere hat ihn dann wohl dazu bewogen, mir keinen vergeblichen Vortrag zu halten, sondern schlicht den „Exit“ zu zeigen. Kaum dreht er sich um, ihn mir aufzusperren, war ich auch schon verschwunden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell und leise man mit eine solchen Monstrum von Rucksack auf dem Rücken laufen kann. Die verwinkelten Wege haben mir eine schnelle Flucht ermöglicht, die Dunkelheit gab mir sicheres Geleit und da er eine Taschenlampe benutzt hat, anstatt sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen zu lassen, war ich schnell frei jeglicher Verfolgung. Eine Weile habe ich dann wiederum verfolgt, in welchem Maße er wirklich daran interessiert war, mich zu finden, da er schließlich aber zurück Richtung Ausgang gegangen ist, habe ich mich sicher genug gefühlt, mir schließlich einen geschützten Platz für die Nacht zu suchen. Gefunden habe ich ihn bei den Roten Riesenkängurus, weitab vom Hauptweg und so gelegen, dass ich bei sich nähernden Schritten noch genug Zeit habe, Deckung zu suchen. Ich hatte also einen interessanten, sehr schönen Tag, liege hier in bester Gesellschaft, was will man mehr.