Von Vilnius aus gibt es drei Wege, wenn man nach Krakau möchte, Richtung Alytus, Richtung Trakai oder Richtung Kaunas. Alytus ist nur mit eigenem Auto zu empfehlen. Es wäre zwar der direkte Weg, führt aber längere Zeit nur über eine Landstraße, die recht wenig frequentiert wird. Richtung Trakai wäre der nächstbeste Weg, von Vilnius aus direkt auf den Highway, sofern man eine solche Straße so nennen kann (in Deutschland entspräche der litauische Highway am ehesten einer Landstraße, eine „Landstraße“ in Litauen ist entsprechend kleiner), aber auch dieser Weg ist nur relativ wenig befahren. Der für Tramper beste Weg, wie mir Maria, die ja selbst getrampt ist, geraten hat, sei es, über Kaunas zu fahren. Zwischen Vilnius und Kaunas gebe es viele Pendler, die die Strecke täglich fahren. Und um aus der Stadt rauszukommen, wurde mir gleich noch mit ans Herz gelegt, mit dem Bus zum Einkaufszentrum außerhalb der Stadt zu fahren. Ganz in der Nähe vom Highway, sodass man entweder von dort einen Lift findet oder ansonsten zu Fuß einen Parkplatz erreichen kann.
Gesagt getan, mit dem Bus war man recht schnell vor Ort und mangels ortsfremder Kunden dann auch wirklich sehr schnell zu Fuß auf besagtem Parkplatz. Dorthin gibt es sogar einen richtigen Trampelpfad, trampen scheint in Litauen wirklich beliebt zu sein. Da ich den Tag allerdings noch größtenteils in Vilnius verbracht habe und im Einkaufszentrum nicht widerstehen konnte, zumindest kurz nach Temeraire zu sehen, woraus dann doch wieder ein paar Stunden geworden zu sein scheinen, habe ich den Parkplatz erst im Dunkeln erreicht, dafür dann aber sofort hinter der ersten Scheibe, an die ich geklopft habe, einen Lift gefunden bis nach Kaunas und dort sogar noch hinter die Stadt an einen Rasthof. Da ich mir gedacht habe, um die Zeit, es war bereits nach Mitternacht, käme man sowieso nicht weiter, ich einen sehr guten Platz für mein Zelt hätte und die Überlegung im Raum stand, Drachenbrut zu beenden, um nicht dauernd in Versuchung zu sein, weiterzulesen, bin ich die Nacht dann dort geblieben. Drachenbrut habe ich dann auch wirklich noch beendet, um dann allerdings direkt mit Drachenprinz, dem zweiten Teil, weiterzumachen. Die Bände haben fließende Übergänge, das wäre quasi so, wenn man mitten im Kapitel aufhören würde. Das macht doch keiner...
Am nächsten Morgen ging es dann weiter Richtung Krakau. Bis nach Polen lief es gut, dort an irgendeinem Rastplatz musste ich was länger warten, bis ich dann schließlich von Robert aufgesammelt und bis nach Warschau gebracht wurde. Da er dort Endstation hatte, mich aber nicht mitten in der Stadt absetzen wollte, hat er am Stadtrand gehalten, um eine Schlange von LKWs abzuklappern. In Polen ist es üblich, dass sehr viele Menschen eine Art Funkgerät in ihrem Auto haben, solches wie es eben auch Lastwagenfahrer besitzen. Dort hat er für mich nachgefragt, ob es irgendwen gibt, der an diesem Tag noch Richtung Krakau fährt. Super Idee, auf die ich mangels Wissen über dieses System nie gekommen wäre, hat aber leider nicht geklappt, weil sich, in dieser Zeit zumindest, niemand gemeldet hat. Damit wollte er sich aber nicht zufrieden geben, hat sich bei blablacar umgesehen und schließlich wen gefunden, der nach abends nach Krakau fahren würde. Um sicherzugehen, dass mich dieser Fahrer auch wirklich mitnehmen würde, da er sich nicht darauf verlassen wollte, er würde mich als Tramper mitnehmen, hat Robert darauf bestanden, mir die 35 Złoty für die Fahrt zu geben und er wollte sich, obwohl ich ihm gesagt habe, dass das schon zu viel war, nicht davon abbringen lassen, mir zusätzlich noch 50 für mich zu geben, bevor er mich dann zum späteren Treffpunkt gebracht hat, einem Bahnhof im Warschauer Osten. Da habe ich mich dann schnell mit zwei Leuten von einem Sandwichstand angebandelt, die mir nach Feierabend sogar noch ihre unverkaufte Ware geben konnten, bis dann der Fahrer kam, um mich nach Krakau zu bringen. Ebenda am Stadtrand bin ich nachts dann angekommen nach knapp zweitägiger Reise.
Da es aber wirklich zu langweilig wäre, wenn alles so gut geklappt hätte, jetzt natürlich noch die Komplikationen. Und was gäbe es auch für einen besseren Zeitpunkt dafür als nachts. Tagsüber hätte man ja alle Zeit der Welt, sich bis zur Dämmerung was schönes zum Schlafen zu suchen.
Auf meine Bitte hin, wurde ich bei einer Kirche rausgelassen. Von meiner Zeit in Stettin wusste ich ja, dass es in Polen wirklich so ist, wie es von der Idee sein sollte, bei Gotteshäusern auch einen Schlafplatz für die Nacht zu finden. Auch hier wäre es theoretisch so gewesen, aber wie gesagt, das wäre ja viel zu einfach gewesen nach einem so schönen Tag. Die Kirche selbst war natürlich bereits verschlossen, die Nachtaltar aber, wie der Name sagt, geöffnet. Der Nachtwächter konnte zwar kein Wort Englisch, dank meiner fabelhaften Übersetzungsapp, die mir mal wieder treue Dienste geleitet hat, konnte ich mich aber doch verständigen. Zwar mehr als mürrisch und so überhaupt gar kein bisschen freundlich hat er mir schließlich erlaubt, die Nacht drinnen zu verbringen. Ein Dach überm Kopf hätte ich also, wenn die Atmosphäre allerdings auch sehr zu wünschen übrig gelassen hätte. Dazu kam dann noch, dass trotz der späten Stunde fast ein Dutzend Leute anwesend waren und ich das mehr als deutliche Gefühl hatte, es wäre sehr unpassend gebeten, meinen Schlafsack auszupacken oder auch nur, trotz des kalten Bodens, meine Isomatte. Ausschlaggebend dafür, den Ort schnellstens wieder zu verlassen, war dann aber die Reaktion des Wächtern, als er meie Insulinspritze gesehen hat. Trotz App und Diabetikerausweis und zig Sprachen, unter anderem auch polnisch, schien er nicht wirklich überzeugt davon, dass ich Diabetiker bin und nur kurz davor mich Drogensüchtigen rauszuschmeißen. Ich bin kein Experte in diesen Dingen, aber Heroin spritzt man meines Wissens nichts ins Bein und Morphiumspritzen, die man zwar in den Muskel spritzen kann, sehen anders aus. Wie dem auch sei, ich habe mich wieder verzogen. Ein Stückchen entfernt von der Kirche habe ich glücklicherweise ein kleines Waldstück gefunden und mein Zelt ziehe ich diesem Umfeld definitiv vor.