Endstation Folkestone

 

Mit einem dahinsiechenden Reisepartner zu trampen, ist viel weniger lustig, als es klingt. Zwar dürfte ich ihn im Fall der Fälle irgendwo verscharren und alleine weiter, aber bis es soweit ist, muss ich ihn irgendwie mitschleppen. Beim Trampen äußert es sich dann in aller Regel so, dass er irgendwo am Straßenrand liegt, gut zugedeckt und mit dem Rucksack als Kissen, und ich mit der Gitarre auf dem Rücken und dem Pappschild in der Hand versuche, uns wieder gen heimische Gestaden zu bringen. In den Autos vegetiert er dann auf der Rückbank vor sich hin, während ich mich auf dem Beifahrersitz vorne mit den Fahrern unterhalte. Von der Art her, ist es eigentlich wie alleine zu reisen, nur dass man dabei nicht versehentlich jemanden irgendwo liegen lassen könnte.

 

Nach einiger Zeit hat er sich aber immerhin wieder soweit berappelt, dass er zusammen mit mir an der Straße stehen kann, gerade rechtzeitig wieder fit, um an der interessantesten Begegnung heute teilzuhaben. Es gibt ja seit längerem eine recht beliebte Fernsehserie bei uns. Wer von euch kennt Game of Thrones? Ich persönlich gucke die Serie zwar nicht, dem Namen nach sagt sie mir aber zumindest etwas. Wir beide wurden mitgenommen vom Koordinator und Leiter der diversen Pferdestunts. Mit den Bildern, die er uns vom Set gezeigt hat, konnte ich von den Schauspielern her, die zu sehen waren, weniger anfangen, Tunis kannte anscheinend welche, was aber grundsätzlich zu sehen war, war schon sehr beeindruckend, ebenso wie die diversen Videos und Making-ofs. Genauso spannend war allerdings ebenfalls, was er uns zu seinen bisherigen Jobs erzählen konnte oder der Geschichte der Pferdestunts in Film und Fernsehen. An alle Fans von Game of Thrones übrigens: Bewerbungen von Statisten haben eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, genommen zu werden.

 

Bis wir schließlich wieder in Folkestone sind, unter anderem über den Weg vorbei an Brands Hatch, ist es Nacht. Noch gibt es aber Züge. Einziges Problem, auf dieser Seite des Kanals gibt es keine Tierklinik und auch sonst nichts, was man fußläufig irgendwie erreichen könnte. Die wenigen Autos, die noch vorbeifahren, tun eben genau dies und fahren vorbei. Auf dem Gelände allerdings, hinter dem Schalter, gibt es eine Tankstelle. Genaueres wissen wir nicht, aber auf meiner Karte ist sie zu sehen, ebenso wie ein Restaurant. Sollten wir es bis dort schaffen, wäre unsere Heimfahrt gesichert.

 

Über einige Straßen, diverse Schleichwegen, ein paar Felder, einen Wald, zwei Brücken und ein, zwei Mauern vielleicht, gelangen wir schließlich zu einem Ort, unmittelbar vor der letzten Schranke zum Gelände. Da es natürlich nicht so wäre, als dass wir über eine mittels einer zwei Meter hohen Mauer abgeschotteten Brücke gemusst hätten hinter irgendwelchen Zäunen, war dieser Ort, an dem wir uns befinden selbstverständlich absolut frei zugänglich. Kein Vergnügen, mit einem Halbtoten im Schlepptau, diesen Weg zu finden. Angekommen aber, endlich, versuchen wir wieder unser Glück. Es kommen auch immer wieder Autos, anhalten tut aber keines. Zu Fuß durch die Schranke wäre zwar denkbar, angesichts mehrerer Rollen Natodraht um den Zaun, wäre es aber wahrscheinlich keine allzu gute Idee, es zu versuchen. Ich bin des Wartens schließlich Leid und versuche herauszufinden, was sich hinter der Brücke befindet, die wir vorab umgangen haben. Irgendwo müssen diese Autos ja herkommen, irgendwo muss es also auch möglich sein, mit den Fahrern zu kommunizieren.

 

Nach einer semieinfachen Überquerung der Brücke, bei jedem Auto, dass mich passiert, musste ich mich fast am Geländer hochziehen, um nicht vom Kühlergrill erwischt zu werden, lande ich auf einem großen, leider leeren, Parkplatz mit einem Wärterhäuschen am anderen Ende. Mich diesem nähernd werde ich mir gewahr, dass der Weg, wie Tunis und ich die Zufahrt betreten haben, vielleicht nicht ganz der offizielle Weg war, halte mich also im Schatten, um uns langatmige Erklärungen zu ersparen, die vermutlich nicht allzu zielführend für uns wären, und lande prompt im Lichtkreis einer Taschenlampe. Der Wärter, den ich gerade so wunderschön umgangen habe, hat Kollegen...

 

Naja, nachdem wir uns zu dritt England angeguckt haben, hatten wir uns am Ende kurz getrennt. Einer ist mit dem Auto weiter, wir zwei hatten ein anderes Ziel und nahmen die Bahn. Heute zur Rückreise, wollten wir uns hier wieder treffen. Lukas mit k wollte uns hier mit dem Auto einsammeln, bevor es auf den Zug zurück geht. Da er nach wie vor nicht aufgetaucht ist, wollte ich einfach mal gucken, wo er denn wohl bleibt. Lucas mit c liegt derweil dahinten und wartet auf mich.

 

Eine wunderschöne Geschichte, sehr kreativ -man beachte nur die Namenswahl unseres dritten Mannes-, ich kann nur hoffen, dass Tunis gleich mitspielt. Ich selbst darf nämlich nicht mit zurück, ihn zu suchen, das erledigen einige der Wärter. Das Haus scheint geradezu voll davon. Da er sich, bevor ich losgezogen bin, hinlegen wollte, wäre es in jedem Fall einfacher gewesen, mich mitzunehmen, um ihn zu finden. Dementsprechend lange hat es gedauert, bis wir beide wieder hier sind. Da Tunis einen leicht verschlafenen Eindruck macht, scheint nicht viel gesagt worden zu sein, ich kläre ihn also kurz auf. Wie wir von einem Auto bis dort mitgenommen wurden, um dort auf unseren Freund mit dem Auto zu warten, um alle zusammen wieder abzureisen.

 

Ob sie es im Endeffekt glauben oder nicht, schlussendlich bringen sie uns mit dem Pick-Up zurück nach Folkestone. Sollte unser Freund noch kommen, um uns leichter zu finden, bringen sie uns direkt zum Tesco-Supermarkt am Ortseingang, nicht zu übersehen, und ziehen ab. So weit, so gut also, aus der Situation wären wir raus, leider aber auch ganz weit abgeschnitten von der Möglichkeit, heute noch den Zug zu betreten. Gleich nebenan vom Markt gibt es allerdings eine Tankstelle, ebenfalls Tesco, wo wir unser Glück noch eine Weile versuchen. Vergeblich natürlich, dafür vor unserem endgültigen Abzug noch versorgt mit ausreichend Cookies von dem netten Nachtpersonal. Im nahen Park haben wir einen guten Platz für die Nacht gefunden, es wird sich zeigen, was der morgige Tag bald bringt.

 

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