Um von Salisbury zu fortgeschrittener Stunde noch bis Bristol zu kommen, wäre es zwar möglich zu trampen, aber keinesfalls sicher, dass wir am selben Tag noch ankommen würden. Salisbury mit seinem kleinen Bahnhof hat dort zwar Schranken, ein Dörfchen weiter allerdings gibt es keine. Und naja, uns wurde ja sogar von Einheimischen dazu geraten, es so zu machen, und wenn die es nicht wissen, wie man am besten in ihrem Land reist... Langer Rede kurzer Sinn, wir haben es an diesem Abend noch nach Bristol geschafft. Angekommen sind wir aber trotzdem im Dunkeln, sodass wir uns gleich mit der Schlafplatzsuche befasst haben. Eingeladen wurden wir nicht, aber zumindest zu einer alten Kirche geführt, einer ausgebombten Ruine aus dem Zweiten Weltkrieg, mit angrenzendem Park. Schlafen in der Ruine, wie wir es überlegt haben, wäre zwar machbar gewesen, am nächsten Morgen hätten wir aber auf einem Platz wieder durch ein Fenster klettern müssen, was vll nicht ganz so dezent sein würde, wie es wünschenswert wäre. Also Zelt und im Windschatten der Mauer.
Am nächsten Morgen hat Lucas dann seine Gitarre wieder zu dem Zweck genutzt, zu dem er sie ursprünglich mitgenommen hat auf die Reise. Während ich es wunderbar schaffe, ohne Geld zu reisen, träumt er davon, sich die Reise als Straßenmusiker zu verdingen. Während er in der Fußgängerzone Bristols seinem Traum nachging, habe ich währenddessen Frühstück besorgt. Wir haben festgestellt, dass er mehr verdient, wenn ich nicht unbeteiligt danebenstehe und so konnte ich auch etwas konstruktives beitragen. Im Verlauf des Tages hat es uns nach unserem Stadtbummel zum Hafen getragen und dort in die Arme zweier Kollegen. Jaro, tschechischer Austauschstudent und Markus, polnischer Weltenbummler, haben sich auf der Straße getroffen und zusammengetan für diesen Tag. Jaro spielt Gitarre mit Verstärker, ein Lucas begeisterndes tragbares Gerät mit Batterien oder wahlweise Kabel, Markus spielt Löffel. Ja, er spielt einen Löffel, einen Suppenlöffel, wie ihn jeder Zuhause hat. Aber er schafft es, Geräusche und Melodien da herauszuholen, dass er es mit jedem Straßenmusikanten aufnehmen kann. Die Lautstärke ist etwas bescheidener, aber die Ausgefallenheit seines Instrumentes macht dies bei weitem wieder wett.
Mit den beiden sind wir anschließend noch weiter um die Häuser gezogen. Irgendwann hat Jaros Freundin angerufen, er wurde nach Hause zum Abendessen abbestellt, Jaro hat sich schließlich auch verabschiedet und Lucas und ich sind unserem Rhythmus nach. So wie wir schon unserem Route gemeinsam festgelegt haben, haben wir entschieden, jeweils abwechselnd einen Vorschlag einzubringen, was wir unterwegs tun. Idealerweise gefällt das auch dem anderen, was bisher glücklicherweise immer so war. Stonehenge war was gemeinsames, davor lag mein Museum, Lucas war also wieder dran und wollte in eine typische Jazzbar der Stadt. Bristol ist wohl sehr bekannt für seine Live-Musik-Szene, man lernt nie aus. Nach einigem Herumgefrage, hatten wir die Richtung und schließlich auch die Bar. Es war sehr nett, nachdem sie sich im Laufe des Abends geleert hat, sind wir mit der Bedienung und dem Barkeeper ins Gespräch gekommen und als sich dann auch die Band verabschiedet hat, konnte ich für Lucas noch eine besondere Überraschung raushauen. Nach kurzem Gespräch mit dem Barkeeper und natürlich seinem Einverständnis, ging es kurz auf die Bühne für eine Ansage.
So wie ich unter Tarzan reise und mich viele Menschen, die ich unterwegs treffe, auch nur so kennen, hat natürlich auch Lucas einen Spitznamen. Da seine Mutter aus Tunesien stammt, sich sein daraus abgeleiteter Spitzname Tunisboy mit der Zeit verkürzt hat, konnte ich nun vorstellen, weitgereist, hergetrampt aus Deutschland, Auftritt exklusiv nur hier und heute, nur für Sie, Bühne frei für: Tunis!
Kommentar schreiben