Vor inzwischen fast zwei Jahren ging es mit Lucas damals gen Prag. Da wir beide schon länger Lust hatten, das ganze zu wiederholen, haben wir uns die Tage zusammen gesetzt und überlegt, wohin es uns diesmal ziehen könnte. Noch mal Prag? Klar, man könnte die Fotos noch mal machen, da uns die Kamera geklaut wurde, man könnte gucken, was Emma gerade so treibt, aber irgendwas Neues wäre schon nett. Das Nordkap? Mitternachtssonne ist was Feines, da ich aber alleine schon, wenn auch mit Pausen, knapp zwei Wochen gebraucht habe, um überhaupt da hoch zu kommen, wäre das zeitlich etwas schwierig. Wir wollen unterwegs auch was erleben und nicht einfach nur irgendwo ankommen und wieder zurück. Relativ schnell sind wir beide dann auf England gekommen, genauer gesagt auf eine Rundreise. Starten wollen wir in Dover, vom Tunnel aus nach Schottland ziehen, übersetzen nach Nordirland und über Irlands Küste schließlich in Wales einkehren. Zwei Wochen haben wir Zeit, es wird also ein straffer Fahrplan werden, aber die Route steht und es sollte passen. Jeder hat ein paar Orte gehabt, die man sehen wollte, vieles war identisch und von den restlichen konnte sich jeder was aussuchen.
Als es heute dann losgehen sollte, hat sich ein gewisser jemand, den ich hier einfach mal ungenannt lasse, allerdings so viel Zeit mit packen gelassen, dass es bereits Nachmittag wurde, als endlich alles fertig war. Da Lucas, begnadeter Musiker und Sänger, seine Gitarre mitnehmen wollte, war meine Idee, um das Instrument zu schonen, wir nehmen nur einen Rucksack mit, wo beider Sachen drin sind, der andere nimmt die Gitarre. Das hieß aber auch, ich konnte nicht alles packen, bevor der Junge nicht zu Potte kommt. Wie gesagt, war das erst kurz vorm Nachmittag der Fall... Da man von Beyenburg aus bis Calais alleine von der reinen Fahrtzeit schon viereinhalb Stunden braucht, war ich in großer Versuchung, die Abreise auf morgen zu verschieben. Da man davon ausgehen konnte, in England frühstens in tiefster Nacht anzukommen, da dann aufgrund der späten Stunde höchstwahrscheinlich auf's Zelt angewiesen wäre, könnte man auch morgen früh losfahren und tagsüber die Insel erreichen. Lucas' Einwand, dass man dann zumindest den kompletten Tag schon vor Ort hätte, war allerdings auch nicht von der Hand zu weisen und es ging los.
Trampen zu zweit ist grundsätzlich etwas schwieriger als alleine, insbesondere wenn es sich um zwei Jungs handelt. Für Mädels ist es grundsätzlich einfach wesentlich leichter. Das oft angeführte Argument der Sicherheit ist natürlich wieder ein pro für uns, um es zu erwähnen. Als Musiker allerdings, bzw. wenn man als solcher erkennbar ist, dreht sich das dann wieder und auch zwei Jungs haben keine größeren Schwierigkeiten, jemanden zu finden. So war's dann auch bei uns heute. Auf der Autobahnraststätte Remscheid, Start fast jeder meiner Reisen, haben wir gleich wen gefunden, über Frechen ging es nach Belgien. Als es da mal etwas Leerlauf gab, hat Lucas seine Gitarre rausgeholt und uns nicht nur die Warterei verkürzt, sondern auch gleich sämtliche Aufmerksamkeit auf uns gezogen und auf ging's Richtung Frankreich. Nahe der Grenze haben uns dann zwei Mädels, im Austausch für ein Lied, noch ein paar Raststätten weitergebracht und mit dem nächsten Auto waren wir dann direkt in Calais. Inzwischen war's dunkel geworden, aber die Zufahrt zum Tunnel ist durchgängig beleuchtet.
Von meinem ersten Versuch, nach England zu kommen, mit Vic damals – große Katastrophe –, wusste ich für jetzt zumindest, wie man es am besten macht. Blöd nur, dass die Tierklinik bereits geschlossen hatte. Die direkte Umgebung der Ticketschalter ist Privatgelände. Die Angestellten sagen grundsätzlich solange nichts, bis man zu nahe an die Kameras kommt und der Boss aufmerksam wird, dann muss man weichen. Aber nach wie vor sagen sie einem, wo es wieder öffentlich ist und wo man stehen kann, ohne das jemand meckert. Damals wie heute, eins zu eins dasselbe. Leider auch, dass dort einfach niemand anhält. An der Tierklinik ist der Vorteil, die Leute stehen schon. Vor Einreise nach Großbritannien muss man irgendwas da anmelden oder checken lasse, Impfungen, den Chip, irgendwie sowas. D.h. jeder, der mit Haustier durch den Tunnel fährt, ist potenziell jemand, der uns mitnehmen könnte. Wenn es denn geöffnet ist.
Da es nach einer zwar nicht nassen, aber zumindest feuchten Nacht aussieht, lassen wir die Hängematten heute mal im Rucksack. Ein Platz für's Zelt war schnell gefunden, gleich in Sichtweite der Klinik, trotzdem blickgeschützt natürlich, und wir beide hoffen, dass wir morgen dann gut wegkommen. England erwartet uns.
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