Das mit dem Englischen hatten wir ja bereits, auf Deutsch: ich bin zurück, nicht in Europa, aber zumindest in Spanien. Spanien ist eines von mehreren Ländern Europas, deren Territorien über die Grenzen Europas hinausgehen. Historisch recht einfach zu erklären, es nennt sich Kolonialismus und ist eines dessen Überreste. Ceuta stand, unabhängig von meinen Erlebnisses des gestrigen Tages, auf meiner Liste der must-sees in Marokko. Es gibt nicht viel zu sehen, aber Europa außerhalb Europas ist per se sehenswert, denke ich.
Im Hafen wurde ich geweckt mit der Aufforderung, meinen Ausweis vorzuzeigen. Es gibt weltweit Polizisten mit dieser Art von Freundlichkeit, speziell für diesen Bereich der Erde wurde ich aber explizit gewarnt, nicht jeder, der sich als Polizist ausgibt, ist auch einer. Beweisen kann ich es natürlich nicht, aber ich gehe doch stark davon aus, es hier mit einem Vertreter letzterer Sorte zu tun gehabt zu haben, da er auf meine Nachfrage, ob ich zuerst seinen Dienstausweis sehen könne, recht schnell wieder verschwunden ist. Ich halte nicht viel von solchen Menschen, als Wecker zumindest ist dieser eine aber ganz brauchbar.
Zu Fuß zurück zur Straße ging es, teils getrampt, teils auf Schusters Rappen, der Küste folgend Richtung Osten. Mein letzter Lift konnte fließend Englisch, hat mir vom Zelten in dieser Gegend dringend abgeraten, da sich viele Schwarzafrikaner in den Bergen verstecken würden, auf der Flucht nach Europa, und mich in eine Kleinstadt nahe Ceutas gebracht mit dem Hinweis, gerade für Europäer sei deren Stadtzentrum sehr lohnenswert. Da es nach Ceuta keine anderthalb Kilometer die Küste lang sind von dort aus, ich massig Zeit habe und notorisch neugierig bin, war die Entscheidung dann recht einfach und gerade der Markt sowasvon lohnenswert, der Mann weiß, wovon er spricht. Da ich ja gesagt hatte, dass ich auch Landschaften mit Worten zu malen probieren könne, würde ich den Markt nun gerne als solche betrachten und es für euch versuchen:
Wenn immer die meisten Menschen, der westlichen Welt zumindest, an Afrika denken, denken sie zuerst die Mitte des Kontinents, die Gegend um den Kongo etwa und an Savannen. Denken sie an die Menschen dort, kommt ihnen ein Bild in den Sinn von kleinen Dörfern, auf dessen Märkten exotische, fremde Sachen ausliegen, Gewürze, frisches Obst und Gemüse, denen man ansieht, dass es sich zwar um solches handelt, aber von dem man doch nichts benennen könnte. Und die meisten Menschen vergessen dabei, dass dieser fremde Kontinent weit größer ist und weit mehr bietet, als lediglich dieses Bild. Auch Marokko, das zwar eine Ferne verspricht, aber durch die Nähe zu Europa doch vertraut klingt, liegt in Afrika. Und auch Marokko bietet Märkte.
Stell dir vor, du gehst durch eine kleine Stadt. Die Hauptstraße entlang, die Läden betrachtend, siehst du vieles, was dir war vertraut vorkommt, aber trotzdem irgendwie nicht vertraut ist. Du riechst frisches Brot und siehst rechts an der Ecke eine Bäckerei, in der Auslage frisches Brot, aber in unbekannten Formen und dir völlig neues Süßgebäck, verheißungsvoll klebrig glänzend. Im Café nebenan mit den außen stehenden Tischen hörst du Stimmen und Gesprächsfetzen und unbekannten Sprachen und du merkst, wie du neugierige Blicke auf dich ziehst durch dein fremdartiges Aussehen. Dein Spiegelbild im Schaufenster sieht aus wie immer, aber die Straße entlangblickend entdeckst du in all den Menschen nicht einen Europäer, nur dich und dein Spiegelbild in der vom Sonnenlicht funkelnden Scheibe.
Ein Stück den Weg entlang öffnen sich die Fassaden der Häuser mit ihren Ornamenten und geschwungenen Bögen zu einem großen Platz. Neben parkenden Autos siehst du vereinzelt einige Straßenhändler, Süßigkeiten anbieten, frische Nüsse, Zigaretten. Dir fallen einige bekannte Verpackungen ins Auge, aber bei genauerem Hinsehen erkennst du, dass die Schrift eine andere ist. Du gehst weiter, am Parkplatz vorbei und gleich hinter dem letzten Auto, stapeln sich plötzlich Früchte neben dir, Orangen, turmhoch geschichtet, viele noch mit grünen Blättern und sie wirken gerade noch frisch gepflückt. Gemüse in allen Formen und Farben, vieles bekannte, Salate, Kürbisse und Auberginen, aber auch Fremdes, Unbekanntes, nie Gesehenes. Du lässt den Blick schweifen und vor deinen Augen breiten sich Dutzende von Ständen und Ständchen aus, auf dem Platz und sich in den Gassen verlierend. Dort, wo du stehst dominiert alles Frische, ein Stück voraus schneidet einer der Händler ein Stück aus einem riesigen Kürbis und präsentiert es seiner Kundin, die interessiert auf das saftig gelbe Fruchtfleisch guckt. Dem Gewirr der Wege folgend, die sich an den Ständen entlangziehen, vorbei an jeder Art von Obst, wie du sie von Zuhause aus dem Supermarkt kennst, aber so viel frischer und so viel mehr, hindurch durch den Geruch von frischen Äpfeln, Weintauben, aber auch Datteln, die du selbst auf dem Wochenmarkt nicht findest, und überall Bananen, biegst du ab in eine der Gassen. Liefst du eben noch durch die heiße Sonne, finden jetzt nur noch wenige ihrer Strahlen den Weg durch die Baldachine. Und hattest du eben noch Platz um dich herum, drängen sich nun um dich herum die Menschen, du bist mittendrin in dem Gewimmel, in dem die Leute hier, die Einheimischen, ihrer normalen Routine nachgehen, ihren Tageseinkäufen und Geschäften. Und zogst du eben noch so manchen der Blicke auf dich, findest du hier plötzlich nicht wesentlich mehr Beachtung als jeder andere auch, du bist einer von ihnen.
Hier in den Gassen des Marktes wechselt nun das Angebot, die Farben der Früchte werden blasser, die prallen, saftigen Oberflächen schrumpfen zusammen und einer der Händler bietet dir eine seiner getrockneten Feigen zum Probieren an. Wenn sämtliche deiner Nachbarn dieselben Waren anbieten wie du, musst du Kunden schon gezielt zu dir heranholen. Dankend nimmst du an, aber selbst das Französisch des älteren Mannes beschränkt sich auf ein nettes Bonjour und nachdem er sich offensichtlich nicht weiter mit dir unterhalten kann, winkt er dich lächelnd weiter. Vorbei an wahren Bergen von Datteln in allen denkbaren Tönen von Braun, teilweise bis hin zu Schwarz, an Rosinen und Feigen, aber auch an Bananen, Äpfeln und sogar Scheiben von Ananas, stehst du plötzlich auf einem Trödelmarkt. Haben eben noch Händler die Qualität ihrer Früchte gepriesen (zumindest denkst du dir dies an deren ausladenden Armschwingen), findest du dich plötzlich wieder inmitten von Töpfen und Tupperware, Ladekabeln und passenden Handys, Wasserrohren und Besteck und unendlich vielen anderen Sachen. Ein Markt in Marokko heißt eben nicht nur, du kannst die Vorräte in deiner Küche wieder aufstocken, sondern auch die Küche selbst neu einrichten, neben dem Rest deiner Wohnung natürlich. Falls du eine neue Garderobe brauchen solltest, Kleidung springt dir eine Abzweigung weiter schon ins Auge, gleich neben einem wahren Berg von Sandalen und Schlappen.
Auch wenn du mit den nun ausliegenden Waren selbst nicht mehr viel anfangen kannst, folgst du den Wegen mit großen Augen und bei der nächsten Kreuzung kommt dir spontan Harry Potter in den Sinn. Im Stein der Weisen, das erste Mal in der Winkelgasse, wünscht sich Harry gleich mehrere Paar Augen mehr und du fragst dich, ob das wohl reichen würde. Denn hier in deiner Kreuzung treffen sich gleich mehrere Gassen und von diesen eröffnet dir eine andere Welt. Deine Früchte und dein Trockenobst locken dich wieder, aber die Geräusche neben dem Weg mit den Kosmetika reizen dich um ein Vielfaches. Lebende Hühner hast du schon oft gesehen, wenn auch nicht in diesem Umfeld, aber diese Geräuschkulisse kann nicht bloß von Hühnern stammen. Diesem Weg nun also folgend, vorbei an Hühnern und Hähnen, manchmal in Käfigen und auf Tischen gestapelt, zumeist aber frei auf dem Boden herumflattern und lediglich mit einem Seil ums Bein vom Davonlaufen gehindert, kreuzt plötzlich ein Truthahn deinen Weg, quicklebendig und laut gluckernd. Und sich diesem anschließend, den ganzen Weg entlang, siehst du Gänse, Enten und Erpel, Pfaue und Kaninchen.
Dich immer tiefer in den weiten dieses Marktes verlierend, noch den letzten Hahnenschrei im Ohr, findest du dich abrupt wieder umgeben von Fleisch. Dein Metzger um die Ecke bietet auch nur frische Sachen an, aber solche Mengen und ganze Rinderhälften, die an Haken hängen, hast du noch nicht gesehen. Alle Farben der Frische zeigend, vom tiefen dunklen Rot des Fleisches bis zum hellen weißen Fett, lässt du dich auch auf diesen ungewöhnlichen Anblick ein und folgst nun diesem Weg, bis du dich an dessen Ende in einer großen, runden Halle wiederfindest, gefüllt mit Eis und noch mehr Fisch. So viel Fisch, dass du nicht einmal sagen könntest, ob es sich um einen einigen großen Stand handelt oder wie die einzelnen Händler ihre Waren trennen können beim Verkauf. Und du siehst nicht nur Fisch, alle Arten von Meerestieren scheinen hier versammelt. Hummer und Krabben, wahre Muschelbänke liegen aus, Rochen, kleine Haie und Schwertfische, die selbst dich an Größe übertreffen, Aale und überall dazwischen Fische von Arten, die du deinen Lebtag noch nicht gesehen hast und in Farben, die du in Deutschland nicht einmal suchen müsstest, weil du sie ja doch nicht finden könntest.
Froh, dass die Sonne hier nicht hinfindet, da du sonst wohl trotz des Eises schnell auch riechen würdest, wo du dich befindest, vermisst du ihre warmen Strahlen doch allmählich und ziehst weiter, den grüßenden Händlern zurückwinkend, dem Ausgang entgegen. Dieser führt dich erneut unter Baldachine und wieder ins Getümmel. Dem Strom der Massen folgend, dich wieder an den verschiedensten Auslagen dieser inzwischen leicht vertrauten fremden Welt ergötzend, näherst du dich wieder dem hellen Schein der Sonne, der sich auf einem Berg Orangen bricht und du bist wieder am Anfang deines Rundgangs, nahe deines Ausgangspunktes am Eingang zum Kosmos dieses Marktes.
Wer meine üblichen Texte mit diesem vergleicht wird merken, es ist wohl definitiv derselbe Autor, aber es sind zwei verschiedene Stile. Beides macht Spaß zu schreiben, aber aus meinem Erlebten eine Geschichte zu machen wie oben, ist schon was anderes. Sonst frage ich ja nicht nach Rückmeldungen, aber wenn sowas wie oben gern gelesen wird, ließe sich davon vielleicht gelegentlich etwas einbauen. Und wer es grundsätzlich liebt, wie aus Worten Bilder und Geschichten werden, Cornelia Funkes Tintentrilogie ist lesenswert für jedes Alter.
Wieder zurück aus der Welt des Marktes ging es dann der Küste folgend Richtung Ceuta. Herrliche Aussicht und wunderbares Wetter, aber trotzdem war der Weg nicht nur positiv, da kurz vor der Grenze Scharen von Bettlern waren, die einen teilweise umringt haben. Die geschickteren haben nicht direkt nach Geld gefragt, sondern Hilfe angeboten bei dem Grenzformular zur Ausreise, aber auch das natürlich gegen Gebühr. Wenn ich irgendwo unterwegs jemanden sehe, gebe ich zwar selten Geld, teile aber jederzeit und gerne mein Essen mit jedem. Diese aggressive Form des Bettelns kann ich aber überhaupt nicht leiden und ich war recht froh, als ich endlich durch die Menge durch und beim Schalter war. Als Europäer ging es für mich recht schnell, Stempel in den Pass und fertig, und ich war wieder in Spanien. Nach dem ersten Stadtrundgang ging es in den nächsten Mäcces, da ich keinen Stadtplan finden konnte, ist auch hier Google Maps recht praktisch, wenn sich wo Wlan findet. Auch sehr nett ist natürlich, wenn sich dort dann ein Kollege findet, auch mit Rucksack und nett grüßend, als er meinen gesehen hat. Ein paar Stunden später haben wir uns, diesmal vor dem Gebäude, wiedergetroffen und Fouad hat mir vorgeschlagen, zusammen zu reisen. Da er allerdings unterwegs zur Grenze war und ich mit Ceuta noch lange nicht fertig, war ich zwar grundsätzlich sehr interessiert an dem Vorschlag, aber ohne Fotos raus aus Ceuta wäre mir doch sehr schwer gefallen. Sein nächster Vorschlag, ich verkürze meine Zeit in Ceuta, er wartet einige Stunden im Mäcces auf mich und danach ziehen wir zusammen los, klang dann schon wesentlich besser.
Ceuta selbst ist schnell erklärt, spanische Küstenstadt mit einigen historischen Gebäuden. Schön anzusehen, aber nach wie vor gilt, die Stadt ist bekannt, findet sich folglich im Internet und deshalb ihr hier keine Stadtführung. Für mich aber trotzdem erwähnenswert ist der Sportplatz, wenn man ihn denn so nennen kann. Ein riesiges Areal mit diversen Fußball-, Basketball- und Hockeyfeldern, natürlich auch für jedwede andere Sportart nutzbar, weiter hinten habe ich Tennis- und Volleyballnetze gesehen, zwischendurch überall Palmen, neben den diversen Bänken immer wieder Wasserspender, bei einem Blick auf mein Handy habe ich gesehen, dass es sogar freies Wlan dort gibt. Ab und an finden sich noch richtig gute Stadtplaner.
Fouad wollte ursprünglich raus aus Ceuta, heute Abend noch, da er in Hostels schläft und Spanien und Marokko einfach grundverschiedene Preise haben. Da ich nach wie vor ohne Geld reise, aber mit einem Zelt groß genug für zwei Personen, konnte ich ihn überzeugen, mit mir zusammen hier zu bleiben und zusammen sind wir auf die Suche gegangen nach einem guten Schlafplatz. Wirklich Mühe gegeben habe ich mir am Anfang allerdings nicht, da wir mitten in einem Fackelumzug der Heiligen Woche gelandet sind und ich erstmal meine Kamera gezückt habe. Irgendwann sind wir aber doch weiter und irgendwann hat Fouad sich an ein Café erinnert, in dem er den Vormittag gesessen hatte und dessen Inhaberin in ihrer Jugend selbst gereist ist. Selbige konnte uns nicht direkt weiterhelfen, aber einem ihrer Kellner vorstellen, der uns freudig zu sich eingeladen hat. Ich selbst kann leider nicht mit Jawad reden, aber Fouad spricht als gebürtiger Marokkaner und aufgewachsen in Madrid fließend Arabisch, Französisch und Spanisch, sodass die Verständigung über ihn so gut funktioniert, dass wir für morgen gleich eingeplant wurden für ein Rollhockeyspiel. Mein Vetter ist ein begnadeter Spieler, ich bin gespannt, was ich so draufhabe.
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