Afrika...

 

Bei manchen Sachen überlegt man, wie man sie schreibt. Schreiben liegt mir, meistens setze ich mich hin, tippe einfach drauf los, wie's mir so in den Sinn kommt und in der Regel bin ich zufrieden mit dem, was nachher rauskommt. Manchmal ändere ich ein paar Formulierungen, manchmal muss ich ein paar Schreibfehler korrigieren oder Buchstaben ergänzen (vorwiegend das "k" und das "z" hängt bei dieser Tastatur manchmal, wenn irgendwo Buchstaben fehlen, versucht, ob die Worte mit einem dieser beiden mehr Sinn ergeben), und nur ganz selten kommt es vor, dass ich mich hinsetze und wirklich überlege, wie ich etwas formuliere. Sei es, weil ich etwas entschärfen will (das klettern in den bröckelnden Klippen von Finisterre hätte auch durchaus anders ausgehen können), sei es, weil ich überlege, wie ich die Schönheit eines Augenblicks oder einen Anblicks so in Worte fassen kann, um es überhaupt beschreiblich zu machen, womöglich und hoffentlich sogar so, dass einem Leser geistig ähnlich schöne Bilder vorschweben, wie ich sie wirklich vor Augen hatte. Letzteres wende ich vorwiegend auf Situationen an, weniger auf Landschaften, aber wenn gewünscht, kann ich es auch gerne mit solchen versuchen. Bei manchen Sachen überlegt man aber auch, ob man sie schreibt...

 

Der absolut überwiegende Teil meiner Erfahrungen unterwegs ist mehr als positiver Natur und aus den wenigen weniger positiven versuche ich zumeist, das beste zu machen. Und selbst wenn ich einmal in widrigen Umständen sein sollte, habe ich danach zumindest immer noch eine gute Geschichte gewonnen. Nur bis man zu dieser kommt, muss man leider erst einmal durch diese hindurch.

 

Mit den Titel tue ich mich immer am schwersten. Wie dieser hier andeutet,bin ich zwar dort, wo ich hinwollte, aber wohl anders, als ich mir erhofft hatte. Mein Problem war, dass die Fähre war nach Tanger gefahren ist, aber nach Tanger Med Port, dem Hafen von Tanger, der über vierzig Kilometer außerhalb liegt. Grundsätzlich kein Problem und Julius, ein anderer Backpacker, den ich auf der Fähre getroffen habe, und ich wollten und trampend dorthin begeben. Er wollte in irgendeinen Ort für Kletterer in den Bergen und ich hatte mich entschieden, mitzukommen. Das trampen fing soweit auch sehr gut an, wir standen keine drei Minuten an der Straße und prompt hat jemand angehalten. Da Julius französisch spricht, war auch die Kommunikation kein Problem und via Autostop ging es erstmal ins nächste Dorf und hier auch gleich zu einer Tankstelle. Da wir beide nicht wirklich wussten, wo wir waren und dort niemand mehr nichts außer arabisch sprach, wollte er ein paar Vorräte für sich besorgen und ich mich nach Wlan umsehen, um via Google zu schauen, wie weit genau es noch bis Tanger war. Problem war nur, als ich wieder da war, ohne fündig geworden zu sein, war er weg. Meinen Rucksack und alles hatte ich glücklicherweise selbst behalten, anstatt ihn dort abzustellen, aber in dieser fremden Welt, in der ich mich kaum verständigen konnte, den einigen Vertrauten zu verlieren (wir kannten uns kaum, aber zusammen ist man weniger allein, vor allem, wenn der andere der einige Mensch ist, mit dem man sprechen kann), und das auch noch so unerwartet plötzlich, hat mich wesentlich mehr getroffen, als ich, selbst in der Situation, erwartet hätte. Nach einer Semi-Konversation mit dem Tankwart, der uns zusammen hat ankommen sehen, vermute ich, er wollte mir sagen, Julius hat sich entweder ein Taxi genommen oder eine Mitfahrgelegenheit gefunden und ist auf und davon. Ich konnte es mir eigentlich nicht vorstellen, aber Fakt ist, er war weg und kam nicht wieder. Nicht, nachdem ich gewartet habe, nicht, nachdem ich angefangen hatte, die Straße entlangzulaufen in der Hoffnung, dass er sich lediglich erkundigt hätte, wo wir lang müssten. Er war weg.

 

Ich bin den Großteil meiner Reise alleine unterwegs gewesen, in der Regel kannte ich niemanden in den Orten und auch nicht immer konnte ich jemanden aufspüren, der zumindest ein kleines bisschen Englisch konnte und wenn es nur ein paar Bröckchen waren. Aber zumindest klang immer, überall, die Sprache wenigstens etwas vertraut und zu jeder Zeit hätte ich zurück gekonnt. Selbst wenn ich Wochen unterwegs gewesen wäre, irgendwann wäre ich angekommen. Auch von Alaska aus, mit einem ganzen Kontinent dazwischen, hatte ich in Kanada Freunde, zu denen ich jederzeit zurück hätte fahren können. In Afrika trennen mich keine Ländergrenzen mehr von Zuhause, sondern Ozeane, oder wenigstens einer davon. Auch wenn es die Fähren gibt, denke ich, dieses Zusammenspiel, das absolut Fremde, Julius und die Unmöglichkeit einer selbstbestimmten Rückkehr, war das, was mich doch ziemlich getroffen hat.

 

Von diesem Dorf aus wollte ich nichtsdestotrotz versuchen, mich über die Landstraße nach Tanger durchzuschlagen. Wenn die Leute mich auch nicht verstanden haben, den Ortsnamen zumindest scheint man selbst mit meiner europäischen Aussprache zu verstehen und ich habe den Weg gefunden. Nach längerer Zeit und auf der Straße, trampe war durch die Dunkelheit inzwischen unmöglich, wollte ich in einem Restaurant am Wegesrand erfragen, wie weit es noch wäre und auch wenn niemand dort auch nur eines Wortes Englisch mächtig gewesen wäre, wurde ich zumindest zum Essen eingeladen, nachdem man meinem Rucksack wohl angesehen hat, dass ich ein Reisender bin. Da mein Arabisch wiederum allerdings ziemlich genau ihren Englischkenntnissen entspricht, kann ich leider nicht sagen, was genau sie zu dieser Einladung bewogen hat. Mit Händen und Mimik wurde mir aber zu verstehen gegeben, dass ich willkommen sei und da ich, vermutlich vom Kellner vermutlich mehrfach gefragt wurde, was ich gerne hätte (vielleicht auch, wie das Wetter in Timbuktu ist, ich bin nicht sicher), wurde mir letztlich einfach etwas gebracht und beim Abschied nach längerem Aufenthalt der Weg zu einem Hotel mit Wlan gewiesen. Hier endet der Teil des Abends, den ich verstanden habe, ab dann wird es absurd.

 

Beim Hotel gab es tatsächlich Wlan und Google hat mir noch die letzte Hoffnung, noch in Tanger anzukommen, genommen. Für den Abend musste ich also umplanen, was mein Ziel angeht. Kaum entschieden, ging es weiter und unterwegs nach dem Weg fragen bin ich auf Mohammed gestoßen. Ursprünglich nach dem Weg fragen, habe ich ihn als zeitweiligen Reisegefährten gewonnen, da er wohl die gleiche Richtung hatte. Da er wohl irgendwann gemerkt hat, dass ich auf seinen Arabischschwall war nett lächelnd reagiere, aber keine Form von Verständnis zeige, hat er dann wohl auch kapiert, dass ich niemanden sonst dort verstehe und vermutlich beschlossen, mich an mein Ziel zu bringen. Vieles, was dann passiert ist, habe ich mir allerdings im Nachhinein zusammengereimt, als ich den Abend nochmal habe Revue passieren lassen, in der Situation bin ich einfach mitgegangen.

 

Dass er wohl beschlossen hat, mir dauerhaft zu helfen und mit mehr als einer Wegbeschreibung, wurde mir mit der Zeit klar, als er mit einem Freund immer weiter mitgelaufen ist. Unterwegs hat er mir aus einem Shop noch einen Kaugummi und eine Cola in die Hand gedrückt und ist schließlich vor einem vergitterten Gebäude mit bewaffnetem Uniformträger hiervor zum Stehen gekommen. Mir bedeutend, dort zu warten, hat er diesen irgendetwas gefragt und Geld in die Hand gedrückt bekommen, mit dem er anschließend die Cola und was zu Essen bezahlt hat. Danach ging es wieder weiter zu einer Polizeiwache (?). Einer der Polizisten dort konnte Englisch, aber bevor ich fragen konnte, was genau hier gerade abgeht, hat mir dieser noch viel Glück gewünscht und es ging weiter, zum nächsten Haus. Hier hat Mohammed einer Person irgendetwas durchs Fenster zugerufen und Schlüssel bekommen, ich vermute, es handelt sich um sein Elternhaus, er hat gesagt, es wird später und die Haustürschlüssel zugeworfen bekommen. Und es ging weiter. Nach einigen Kilometern hat er darauf bestanden, mir meinen Rucksack abzunehmen und es ging weiter. Bis an einer großen Kreuzung waren mit einer dort wartenden Polizeistreife. Nett winkend und sowasvon gar keine Ahnung haben, was eigentlich Sache ist, wurde ich dort dann vorgestellt und nach kurzer Diskussion beginnt der Polizist, Autos anzuhalten. Zwei winkt er daraufhin weiter, das dritte Fahrzeug, einen Truck ohne Anhänger, lässt er rechts ranfahren und spricht mit dem Fahrer. Kurz darauf wird mir zu verstehen gegeben, einzusteigen. Trampen in Marokko bedeutet also, die Polizei hält dir die Autos an. Sehr praktisch. Mit mir steigen dann aber auch Mohammed und sein Freund ein, sodass wir zu viert in einem Zweisitzer sind, von der Polizei nicht nur geduldet, sondern initiiert. Marokko lässt grüßen.

 

Nach recht kurzer Fahrt, mir wurde vielleicht zu erklären versucht, wohin, aber wenn, dann leider erfolglos, steigen wir wieder aus und ich stehe vor den Toren des Tangerer Hafens, exakt dort wo ich sie diesen Nachmittag verlassen habe. Da statt des Polizisten aber zwei Privatpersonen mitgekommen sind, bin ich wohl nicht dort, um abgeschoben zu werden. Kann ja alles sein. Statt jetzt weiter der Straße zu folgen, geht es durch die Tore und hin zum Gebäude, wo Mohammed mit einer der Wachen spricht, mir die Hand gibt und plötzlich verschwindet. Die Wache kann Englisch und erklärt mir, ich könne diese Nacht dort schlafen, sie würde aufpassen, dass mir nichts passiert. Wie genau Mohammed darauf gekommen ist, mir hier ein Quartier zu besorgen, ist mir nach wie vor nicht klar, was es mit dem Geld auf sich hatte, weiß ich auch nicht, aber bei der Polizeiwache war er wohl, um den Standort der Streife zu erfragen. Nach einem langen Tag, Hochstimmung, tiefem Fall und einem doch sehr verwirrenden Ende liege ich jetzt also unter den Augen bewaffneter Wächter im Hafen von Tanger. Wer reist, kann was erleben.

 

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