Es gäbe passendere Überschriften, aber man dürfte bereits bemerkt haben, dass ich Spaß an Zitaten habe. Und das auffälligste Merkmal des Capo de Roca ist definitiv der Wind, auch wenn ich am Kap selbst nur recht kurz gewesen bin.
Trampend aus Lissabon zu kommen, ist eine Herausforderung. Von diesen habe ich unterwegs aber bereits einige bewältigt, Lissabon schreckt mich da weniger. Zu Fuß zu etwas tankstellenähnlichem, ein Tankwart mit zwei Zapfsäulen mitten auf dem Bürgersteig. Dort einen Lift zu finden wurde mir als unmöglich prognostiziert und muss sagen, dass ich bereits wieder aufgesattelt hatte (Pfadiwort für Rucksack aufschnallen), um weiterzulaufen, als ich dann doch noch mitgenommen und zu einer Tankstelle auf dem nahen Highway gebracht wurde. Hier habe ich nach kurzer Zeit Tino getroffen. Selbst gereist in seiner Jugend, später als Soldat in Afghanistan, unglaublich herzlicher Typ. Zum Kap selbst ist er nicht gefahren, aber er hat mich ein gutes Stück weiter in die Richtung gebracht zu einer Tankstelle in einem Ort. Dort hatte er für etwa eine Stunde zu tun und gesagt, danach käme er wieder an die Tankstelle um zu gucken, ob ich weggekommen bin. Wenn nicht, würde er mich wieder einsammeln.
Trotz regen Durchgangsverkehrs kam niemand in meine Richtung, aber pünktlich mit portugiesischer Verspätung stand Tino wieder auf der Matte. Anstatt mich jetzt mit zum nächsten Ort zu nehmen, hat er spontan beschlossen, durch Sintra durchzufahren und mit mir zusammen ans Kap zu kommen. Obwohl er seit mehreren Jahren in der Gegend wohne, war er wohl selbst noch nie dort. Zu Gesellschaft sage ich nie nein, wenn man mir dann noch anbietet, mich zu meinem Ziel zu bringen, ist man mir noch umso mehr willkommen. Zum Kap selbst lässt sich allerdings recht wenig sagen. Es ist schön, ja, im Sommer dürfte es herrliche Wanderstrecken bieten, was ich so gesehen habe, aber das Capo de Roca selbst ist sehr überschaubar. Ein für die Öffentlichkeit geschlossener Leuchtturm (geschlossen vll auch nur momentan, portugiesisch muss ich noch lernen), die Steele natürlich, dass man sich am westlichsten Punkt Europas befindet, überall Hexenfinger (besser bekannt als Essbare Mittagsblume, aber Hexenfinger klingt doch einfach viel cooler :D - wem das nichts sagt, ein invasiver Eindringling, der einheimische Pflanzenarten gefährdet und verdrängt) und der allgegenwärtige Wind. Wie das Nordkap ist das Capo de Roca ein Kliff. Die Atlantikküste ist sowieso meist windig, dort oben verstärkt sich das noch um ein vielfaches. Eigentlich hatte ich vor, einfach aus Prinzip die Nacht dort zu zelten, bei dem Wind habe ich diese Pläne allerdings sofort gestrichen. Fliegen ist ein Traum der Menschheit, aber am nächsten Morgen festzustellen, dass man über Nacht in Oz gelandet ist, brauch' ich dann doch nicht. Außerdem fehlt mir der Hund dafür. Dankbar habe ich also Tinos Angebot angenommen, mit ihm wieder nach Sintra zu kommen, wo ich auf seine Empfehlung, dass es sich um eine mehr als sehenswerte Stadt handeln soll, geblieben bin.
Zu den Gebäuden kann ich diesbezüglich noch nicht allzu viel sagen, eine portugiesische Stadt mit historischem Zentrum eben. Zu den Personen: absolut. Meine erste Bekanntschaft in Sintra ist ein deutscher Reisender und wie ich finde eine der beeindruckensten Gestalten, die ich unterwegs bisher so getroffen habe. Dennis ist das, was man sich klischeehaft unter dem klassischen Aussteiger vorstellt, wenn auch wesentlich jünger als der Durchschnitt bei diesen (etwas über meinem Alter würde ich schätzen). Ihm widerstrebt das System in Deutschland sowie grundsätzlich in der westlichen Welt, weshalb er herumreist, andere Gesellschaftssysteme besucht, weltoffene Menschen zu finden hofft und Leute, die eine andere Weltsicht haben als die in Europa vorherrschende. Grundsätzlich finde ich solche Menschen ja schon interessant, aber das, was mich an Dennis wirklich beeindruckt und wovor ich wirklich den Hut ziehe: er ist Autist. Dass er, da er als arbeitsunfähig eingestuft ist (wobei ich mich bei dieser Beurteilung selbst frage, was in diesem System eigentlich schiefläuft, einen solchen Menschen so abzustempeln), bekommt er monatlich Geld vom Staat, was ihm das Reisen wesentlich erleichtert, aber selbst die wenigsten Nicht-Autisten, die über mehr verfügen, als ihm zur Verfügung steht, würden es sich trauen, so wie er durch die Lande zu reisen. Und dieser Mensch macht sich dazu noch einen Spaß daraus, beispielsweise Sicherheitsbeamte hochzunehmen und anschließend zu gucken, wie sie auf seine Autismusbescheinigung reagieren.
Vor einigen Jahren hat sich mal jemand, der mich, der Himmel weiß, warum, nicht leiden konnte und jahrelang versucht hat, mir das Leben schwer zu machen, über einen Mittelsmann bei mir entschuldigt mit der Begründung, sie habe nicht gewusst, dass ich Diabetiker sei und unter Berücksichtigung dessen täte ihr ihr Verhalten jetzt Leid, da meine Art und mein Benehmen und alles darauf zurückzuführen sei. Ich habe dieses Mädchen bis heute nicht wiedergesehen, aber diese "Entschuldigung" war mehr als nur ein Schlag ins Gesicht, das war ein Rammbock mit Volldampf in den Solarplexus. Ich könnte mich hier sehr und die Betonung liegt auf SEHR lange darüber ereifern, aber mir geht's hier um Dennis. Das Gefühl, das ich da hatte und nach wie vor habe, wenn ich daran denke, war insofern einmalig, dass ich dieses Verhalten in der Form bisher nur von einer Person erlebt habe. Stellt euch jetzt vor, dass euch der Großteil der Weltbevölkerung abstempelt und versucht, "angepasst" auf euch zu reagieren. Ich sage bewusst, auf euch zu reagieren und nicht, mit euch zu interagieren. Und Dennis macht sich einen Spaß daraus, genau diese Reaktion zu provozieren. Ich kann nur wiederholen, Hut ab vor dieser beeindruckenden Person.
Mit ihm momentan zusammen unterwegs ist ein rumänischer Reisender, wo ich allerdings nicht den Schimmer einer Ahnung habe, wie man seinen Namen schreibt. Die beiden haben sich unterwegs getroffen, waren sich sympathisch und haben spontan beschlossen, zusammen weiterzuziehen. Nachdem jeder wieder seiner Wege gegangen ist und ich mein Glück bei einem gerade Feierabend gemacht habenden Café versucht habe, habe ich direkt die nächsten, diesmal einheimischen kennengelernt. Ich habe vergeblich versucht, mit dem lediglich portugiesisch sprechendem Besitzer zu kommunizieren, bis mir dann von hinten auf Englisch zugerufen wurde, dass geschlossen sei. Ein Pärchen hinter mir hatte meine Versuche mitbekommen und mir weiterhelfen wollen.
Pepe und Filipa. Sie aus Sintra selbst, er aus dem Dorf nebenan und selbst viel gereist, macht Slack- und Highlining (dasselbe wie mit der Slackline, nur ein ganz klein wenig höher), klettert deshalb natürlich und ein Couchsurfer. Mit Couchsurfing habe ich als Tramper, der selten weiß, wo er am Abend sein wird, leider so meine Probleme. Ich habe es mehrfach versucht, aber da es quasi immer zu kurzfristig war, ich konnte eben erst fragen, wenn ich in der Stadt bereits angekommen war, hatte es nie geklappt. Das jetzt zählt zwar nicht wirklich, aber auf Pepes Einladung bin ich gerade das erste Mal bei jemandem der Couchsurfingcommunitie.
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