Am Ende der Welt

 

Finisterre, das Ende vom Jakobsweg und das Ende der keltischen Welt, nächster Punkt auf dieser Erde zu den Inseln der Seligen. Der Jakobsweg selbst ist wesentlich älter, als die christliche Tradition des Pilgerns. Ursprüngliches Ende, nd auch heute noch von vielen Pilgern als eigentliches Ende angesehen, ist Fisterra oder, galizisch, Finisterre. Jeder mit auch nur bescheidenen Lateinkenntnissen sieht hier selbst in der Namensgebung, wo man sich befindet: Am Ende der Welt.

 

Schon als ich mich entschieden hatte, nach Santiago zu gehen, wollte ich im Anschluss weiter nach Finisterre. Nachdem ich es gestern doch noch geschafft hatte, den richtigen Weg zu finden, bin ich mit verschiedenen Autos immer näher gekommen, streckenweise und am Ende allerdings doch noch den alten Pilgerweg gelaufen. Angekommen bin ich schließlich kurz vor ein Uhr Nacht und auf der Suche nach des Englischen mächtigen Leuten hat, mal wieder, mein Glück zugeschlagen.

 

Direkt die erste Bar am Ortseingang wird von David, ihrem Besitzer, als eine Art Kommune betrieben. Sowohl Pilger als auch jegliche andere Art von Reisenden sind hier herzlich willkommen. Wer will, gibt kann, wer will, hilft in Haus und Haushalt, wer wollen würde, macht auch einfach gar nichts außer essen und schlafen, aber bisher hat noch jeder immer etwas machen wollen. Für mich hieß das gestern zuallererst, dass ich sofort eingeladen wurde, bevor ich auch nur den Rucksack absetzen konnte, wurde mir schon ein Abendessen vorgesetzt und danach wurde mir gezeigt, wo ich schlafen könne. Ins Bett geht jeder dort, wann er will, gefrühstückt wird von jedem, wann er Lust hat, Mittag- und Abendessen gibt es zu ungefähr regelmäßigen Zeiten, wer da ist, isst, wer nicht, isst später. Recht einfach zu merken.

 

Mein eigentliches Ziel hatte ich dort aber noch nicht erreicht, da ich, wie eigentlich immer, wenn ich an irgendwelchen Extrempunkten bin, nicht nur in den Ort will, sondern wirklich ans Ende. Heute morgen bin ich also losgezogen, das letzte Stück auch noch hinter mich zu bringen, zum Nullstein des Jakobweges und weiter zum letzten Ufer vor den Inseln der Seligen. Solltet ihr jemals hier sein, haltet euch an den ausgeschilderten Weg, wenn ihr einfach nur ankommen wollt, sucht euch euren eigenen, wenn ihr noch ein paar schöne Ausblicke sucht. Und geht definitiv nicht in den Felsen hier klettern, die Dinger bröckeln... Das ist natürlich nur theoretisches Wissen, da ich selbstverständlich niemals einfach so irgendwelche Felswände hochklettern würde oder sowas oder plötzlich in der Wand merken würde, dass ich gerade meinen Sicherungsstein in der Hand halte oder, da mein Rückweg gerade zerbröselt ist, springen muss mangels Alternativen. Ich doch nicht :D

 

Wenn man jedenfalls auf dem offiziellen Weg unterwegs ist, der gegen Ende stetig bergan führt, kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man sich fragt, wie man auf den Gedanken kommen konnte, da ohne Wasser hochzulaufen, zumindest wenn man davor noch klettern war (theoretisch). Gerade dann kommt aber hinter einer Kurve erstmal der Leuchtturm in Sicht und gerade, wenn er hinter den Bäumen wieder verschwindet, kann man nicht anders, als an Schiller zu denken.

 

 

 

Und horch! da sprudelt es silberhell

 

Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,

 

Und stille hält er, zu lauschen;

 

Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,

 

Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,

 

Und freudig bückt er sich nieder

 

Und erfrischet die brennenden Glieder.

 

 

 

Was in Schillers Bürgschaft (meine absolute Lieblingsballade im übrigen und das einzige Gedicht, dass ich ausgedruckt immer dabei habe unterwegs) so lebendig erzählt, erlebt man noch viel intensiver, wenn man es wirklich erlebt. In meinem Fall mit der Fonte Cabanas, die man hört, gerade wenn man sein Ziel wieder aus den Augen verloren hat. Das Gefühl, wenn man nach stundenlangem teils Querfeldeinmarsch unter spanischer Sonne diese Quelle hört und schließlich sieht, ist einfach nicht zu beschreiben. Bis ihr selbst herkommt, stellt euch zumindest vor, ein guter Freund steht plötzlich vor der Tür, den ihr ewig nicht gesehen und auf einem anderen Kontinent gewähnt habt. Ist zumindest was ähnlich.

 

Erfrischt im wahrsten Sinne des Wortes ging es dann beschwingt das letzte Stück bergan, um endlich anzukommen am Ende der Welt. Ihr merkt schon, ich liebe diesen Namen :D Am Leuchtturm vorbei, über die Klippen, die Touris hinter mir lassend, bin ich dann bis zum Rand der den Kelten bekannten Welt geklettert, habe mir einen schönen Platz gesucht und einfach die Aussicht genossen. Wenn man da in der Stille sitzt, kann man sich wirklich gut vorstellen, dass irgendwo hinter dem Horizont die Inseln der Seligen liegen.

 

Da ich immer noch hier sitze, keiner was von mir will, sich von den Touris keiner hier runter traut und ich einfach nur ruhig entspannt hier sitzen kann, kurz zur Ausführung:

 

Die Inseln der Seligen entsprechen dem griechischen Elysium, neben dem Hades, dem Ort für die Ewigkeit nach ihrem Tod für die normalen Menschen, und dem Tartaros, entsprechend der christlichen Hölle und dem Fegefeuer (allerdings ohne Aussicht auf Erlösung nach Jahrhunderten oder Kauf von Ablassbriefen durch lebende Verwandte). Im Tartaros sind neben den meisten Titanen zum Beispiel Tantalos (daher der Name Tantalosqualen), Sisyphos (Sisyphosarbeit) und die Danaiden (Danaidenarbeit). Das Elysium ist dementsprechend der Ort für gefallene Helden und andere Menschen, die es sich verdient haben, nach ihrem Tod in dieses Paradies geführt zu werden. Bekanntestes Beispiel hier dürfte Achilles sein, neben vielen anderen Helden des Trojanischen Krieges.

 

Ursprünglich also oberirdisch gelegen, wurden die Inseln der Seligen von späteren griechischen Dichtern der Antike ebenfalls in den Hades verlegt und als Teil diesens angesehen (die Bedeutung hat sich dadurch allerdings nicht verändert, so wurde der gesamte Hades lediglich als ein zusammenhängender Ort betrachtet). Für die Kelten später blieb der Ort ihrer Inseln der Seligen aber derselbe, den die Griechen vorher für ihre gewählt hatten. Exkurs Ende.

 

Nächstes Ziel für mich wird Lissabon sein mit besonderer Zielsetzung auf das Capo de Roca, dem westlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Erstmal bleibe ich aber noch hier als Mitglied der World Family. So nennt sich die Kommune und damit hätte ich auch wieder den Schlenker zum Anfang dieses etwas längeren Eintrags. Bevor ich dahin zurücklaufe muss ich aber noch gucken, wie ich hier jetzt wieder runterkomme :D

 

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