Szenen einer Nacht

 

Szenen einer Nacht in Wien: Polizeieinsatz auf Wiener Autobahnraststätte. Barfuß durch die Straßen Wiens. Ohne Papiere, Insulin oder irgendetwas zu Fuß ins nächste Krankenhaus.

 

 

 

Prolog: Morgens in Budapest bin ich durch die Hügel gezogen, da es auch dort im Wald noch einige Sehenswürdigkeiten zu finden gibt, und danach ging es Bamberg entgegen, eine Freundin zu besuchen. Wir haben uns quasi ewig nicht gesehen und freuen uns beide, dass das jetzt endlich mal wieder klappt. Nach einiger Zeit, in der ich fußläufig versucht habe, die nächste Autobahn zu erreichen, sehe ich beim Drive-In eines recht bekannten Fastfoodriesen plötzlich einen weißen Lieferwagen mit Wiener Kennzeichen und nach kurzer Konversation mit dem Fahrer sitze ich neben ihm und bin direkt auf dem Weg nach Wien. Von Budapest nach Wien ist ein gutes Drittel der Gesamtstrecke und haargenau der Weg, dem ich folgen muss, was will man mehr?

 

Grundsätzlich nicht viel, nur etwas mehr Platz wäre nett gewesen. Meine Tasche, in der ich so ziemlich alles Wichtige immer bei mir trage, die ich nachts mit im Schlafsack habe und mit der ich selbst ohne meinen großen Rucksack noch klarkommen würde, die ich eigentlich nie ablege, hat tatsächlich nicht mit auf den Sitz gepasst, wenn ich sie anhatte. Das Auto war einfach etwas zu voll. Da ich aber in einem fahrenden Auto nicht davon ausgehen musste, bestohlen zu werden, habe ich etwas einmaliges getan, was ich auf der ganzen Reise noch nie getan hatte: Ich habe die Tasche während der Fahrt abgelegt.

 

Was passiert, wenn man etwas tut, was gegen jegliche Routine verstößt und beinhaltet, dass man sich nachher unbedingt daran erinnern muss? Man vergisst es. Beim Aussteigen habe ich, wie immer, meine Hand noch in der Tür gehabt, bevor ich hinten aufgemacht habe, um meinen Rucksack herauszuholen, um zu verhindern, dass der Fahrer losfährt, bevor ich diesen habe. Es kam durchaus schon vor, dass Fahrer losfahren wollten, einfach, weil sie bereits vergessen hatten, dass ich auch hinten noch etwas im Auto habe, deshalb hat sich diese Routine bewährt. Diese Routine beinhaltet aber auch, dass ich an meine Tasche nicht denken muss, da ich sie - eigentlich - immer am Körper trage. Was also prompt passiert ist, war, dass ich zwar meinen Rucksack hatte, mir meine Tasche aber erst siedend heiß eingefallen ist, als der Wagen gerade wieder auf der Autobahn verschwand. Allem hinterherlaufen zum Trotz, er war weg. Mit meiner Tasche, meinen Papieren, meiner Kamera und meinem Insulin. Einzige Ausnahme war mein Handy, das ich glücklicherweise in der Jackentasche hatte.

 

Sofort als klar war, dass der Fahrer mich nicht bemerkt hatte, bin ich rein in die Tankstelle und habe nach den Überwachungskameras gefragt. Ich hatte keine Ahnung, wie der Fahrer hieß, kannte aber seine Arbeitsstelle und auf den Bändern müsste man das Kennzeichen erkennen können. Da das aber nicht möglich war, zumindest nicht, dass ich die Aufnahmen sehe, Datenschutz und alles, wurde ich zuallererst mit allem versorgt, was ich brauchte, um nicht zu unterzuckern, nachdem ich die Situation erklärt hatte, und anschließend wurde der Rettungswagen gerufen. Ohne Papiere war zwar blöd, aber neues Insulin hat leider oberste Priorität. Problem war nur, als dieser da war, ein Rettungswagen hat kein Insulin an Bord. Zwar kann er Blutzucker messen und alles, aber Insulin war Fehlanzeige. Dazu kam, dass ich kerngesund war. Einen Gesunden ins Krankenhaus einzuliefern, liegt nicht im Aufgabenbereich eines Rettungswagen und mich einfach nach Wien ins Krankenhaus mitnehmen, wo es ja Insulin gäbe, war rein rechtlich nicht möglich, solange ich nicht zumindest so schwer verletzt war, dass eine Mitnahme zu rechtfertigen wäre. Bürokratie halt. Das einzige, was die Sanitäter mir anbieten konnten, war, mit ihrem Funkgerät die Polizei zu rufen, die mir in meinem Fall eher helfen könne und ein Anfunken vom Rettungswagen würde schneller gehen, als diese normal via Telefon zu rufen.

 

Nächster Akt des Dramas, Ankunft der Polizeistreife. Mit Blaulicht und Sirenen und einem Tempo, dass ich selbst für einen Polizeieinsatz als zu schnell erachten würde auf Raststättengelände, kamen die netten Beamten der Wiener Polizei. Nachdem ich erstmal extrem barsch angemacht wurde, warum ich denn die Polizei habe rufen lassen (sie wussten wohl nur, dass es Probleme mit einem Patienten in einem Rettungswagen gebe), habe ich versucht, die Situation zu erklären. Das einzige, was den netten Beamten dazu einfiel, war, ich sei selbst Schuld. Das stimmt natürlich, keine Frage, aber soweit war ich bereits, unmittelbar nachdem ich aus dem Wagen gestiegen war und bemerkt hatte, dass die Tasche fehlt. Nichts gegen diesen unglaublichen Scharfsinn, aber irgendein zumindest etwas konstruktiverer Beitrag wäre von mir durchaus etwas mehr geschätzt worden. Man hätte beispielsweise auf der Autobahn Ausschau halten können nach dem Wagen, von dem es nicht nur meine Beschreibung, sondern sogar Bilder von den Kameras gab, aber bis ich das den Beamten vermitteln konnte, war deren Kommentar, dass ich das früher hätte vorschlagen müssen (beispielsweise zu der Zeit, als so scharfsinnig festgestellt wurde, dass ich selbst Schuld sei), nun sei es zu spät und der Wagen wohl schon weg. Das nächste, was mir die äußerst freundlichen Beamten mitgeteilt haben, war, dass ich gar nicht auf der Raststätte sein dürfe, da ich kein Auto habe - ohne Auto dürfe man sich in Österreich wohl nicht auf Autobahnraststätten aufhalten - und dass es sowieso illegal wäre, in Österreich zu trampen. Dass der freundliche Beamte zu Beginn des Gespräches erzählt hatte, er sei früher selbst – in Österreich – getrampt, tat dieser Aussage ebenso wenig einen Abbruch wie die Tatsache, dass keiner der Angestellten, die um uns herum standen, jemals davon auch nur irgendetwas gehört hatte. Da ich mich nicht ausweisen könne, dürfe er mich daher einfach mitnehmen und einkassieren, wenn er wolle. Da ich, bei aller Friedliebigkeit, inzwischen ein klein wenig gereizt war von diesem Überschwang an Freundlichkeit, mit dem ich ja schon begrüßt wurde, noch ehe die freundlichen Beamten aus ihrem Auto gestiegen waren, habe mich dann nicht mehr auf Sarkasmus beschränkt, sondern den Beamten freundlich die tür gewiesen mit dem Hinweis, wenn man mir nicht helfen könne (oder wolle), käme ich irgendwie alleine zurecht, zumindest besser als mit kontraproduktiven Beamten, die nichts besseres mit ihrer Zeit anzufangen zu wissen schienen, als hilfesuchenden Menschen die Nacht noch weiter zu erschweren. Das war vielleicht nicht die diplomatischste Antwort, aber bei den beiden hätte selbst der Besonnenste irgendwann genug, als der ich mich sowieso nie bezeichnet hätte. Selbst die Angestellten, die ich zwischendurch, außer Hörweite der beiden natürlich, gefragt habe, ob nur ich das Verhalten von denen so wahrnehme, waren erstaunt bis entsetzt vom Umgang dieser Polizisten. Die Antwort auf meine Bemerkung war, dass diese beiden dort auf der Raststätte als Polizisiten Hausrecht hätten, eine Aussage, die den dort arbeitenden Angestellten (mit dadurch bedingtem Hausrecht) völlig neu war in ihrer Auslegung, und sie mich nun mitnehmen würden. Nicht auf die Wache, aber zur Deutschen Botschaft in Wien, wo man sich um mich kümmern würde. Da ich wenig Sinn darin gesehen habe, mit zwei pistolenbewaffneten Arschlöchern zu diskutieren, die entschlossen waren, mir das Leben schwer zu machen, stieg ich ein.

 

Nächster Akt des Dramas, Ankunft vor der geschlossenen Botschaft. Die Deutsche Botschaft in Wien wird gerade umgebaut, weshalb sie verlegt wurde. Im Gebäude befindet sich zurzeit lediglich ein zu Bürozeiten geöffnetes Büro, der Rest ist weg. Die Reaktion der netten Polizisten darauf, der Freunde und Helfer der Menschen in Not, war, ich sei in Wien, ich solle gucken, wie ich klarkäme, und sie sind gefahren. Jetzt war ich also nicht nur ohne Papiere, Geld und Insulin in Wien, ich war nicht einmal mehr auf der Autobahn, von der aus ich hätte nach Hause trampen können. Und ganz nebenbei bemerkt, barfuß im einsetzenden Winter. Barfuß weil die Stiefel, die Ramón in Anchorage geschenkt hatte, eben diese halbe Nummer zu klein waren, was sich nach den ganzen Tagen unterwegs jetzt sehr deutlich bemerkbar machte. Im Rettungswagen konnte man mir nichts dafür geben, sondern nur raten, mir größere Schuhe zu holen. Da ich mich nicht überwinden konnte, sie danach wieder anzuziehen bzw. de facto nicht einen weiteren Schritt mit diesen Stiefeln laufen könnte, ging es eben barfuß weiter. Nach einigen Mühen konnte ich herausfinden, wo das nächste Krankenhaus war und humpelte los. Es wäre ein kleiner Gewaltmarsch, besonders in diesem Zustand und bei diesem Wetter, aber ich brauchte Insulin. Inwieweit ich dies ohne Papiere, ohne Versicherung(-skarte) und ohne Geld kriegen würde, war noch was anderes.

 

Endlich im Krankenhaus angekommen, gab es wie erwartet einige Probleme, da ich mich niocht einmal ausweisen konnte. Da man als Diabetiker aber glücklicherweise, der einzige Vorteil, keinen Ausweis braucht, um nachzuweisen, dass man Diabetiker ist, konnte ich mich nach diesem Nachweis ins Wartezimmer setzen und kam irgendwann tatsächlich dran. Auf Ehre und Gewissen konnte ich die Formulare ausfüllen, sodass man mir die Rechnung zuschicken würde, die ich anschließend an meine Krankenkasse weiterleiten könnte und nach Untersuchung durch einen sehr übermüdeten Professor mit entsprechender Laune gab man mir final ein Messgerät mit Messstreifen und zwei Ampullen Insulin, jeweils eine pro Art. Und als von mir sehr geschätztes Entgegenkommen der Krankenschwester, wohl um die Laune des Professors auszugleichen, noch ein Paar Krankenhausschuhe aus Schaumstoff. Nicht sehr stabil, kaum dämpfend, aber ich hatte wieder Schuhe. Als nächstes galt es also, Wien irgendwie wieder zu verlassen, um nach Bamberg zu kommen. Ich hatte wieder Insulin, das mit den Schuhen lässt sich regeln, Jasmin wartet.

 

Inzwischen fuhren die Straßenbahnen wieder, es war früher Morgen. Ohne Geld konnte ich kein Ticket kaufen, andererseits konnte ich ohne Papiere auch nicht erwischt werden. Ich war irgendwo mitten in Wien, musste ans äußere Ende der Stadt und selbst von der Endstation aus wäre es noch ein langer Marsch. Ich bin kein Fan vom Schwarzfahren, aber jede Regel braucht auch Ausnahmen und die Strecke, die ich mir zu laufen ersparen würde, macht jede Diskussion in dem Fall müßig. In der Bahn immerhin wurde ich quasi umgehend angesprochen, da mein Äußeres wohl einigen Anlass für Fragen bot. Ich wurde nicht überfallen, war nicht auf Drogen und auf keinem barfüßigen Selbstfindungstripp und war zwar de facto mittellos, konnte die Leute aber trotzdem davon überzeugen, dass ich keine Almosen benötige. Aber gerade solche Situationen zeigen wunderschön, grundsätzlich sind die Menschen gut. Jemand sieht dich und sieht dir an, dass irgendwas nicht stimmt und bietet dir, ohne dich zu kennen oder auch nur an Gegenleistung oder irgendetwas zu denken, an zu helfen.

 

Nach der Endstation war es noch eine gefühlte Ewigkeit zu laufen, bis auch nur die erste Tankstelle in Sicht käme, viel zu weit nach dieser Nacht und für meine Füße. Aber ich musste weiter. Zentnerschwerer Rucksack, durchwachte Nacht, eiskalte Füße, aber stehen zu bleiben war keine Alternative. Eine Frau, die mich an ihrem Fenster hat vorbeilaufen sehen, konnte mir zumindest etwas Wasser geben und die Richtung weisen. An der zweiten Tankstelle, die ich passierte und der ersten, die geöffnet hatte, ließ ich mich endlich nieder und konnte ab jetzt nur noch warten und hoffen, dass mich jemand mitnimmt. Ich war noch immer in der Stadt und die meisten Menschen, die dort vorbeikämen, würden dort auch bleiben, arbeiten fahren oder nach Hause, aber irgendjemand würde schon kommen, der die Stadt verlässt und noch einen Platz für mich hätte. Nach einiger Zeit kam dann auch endlich jemand, der aber in der Stadt bleiben würde. Aber er konnte mir zumindest von einer Tankstelle ein (gutes) Stück außerhalb erzählen, die für mich geradezu ideal wäre. Weit zu laufen, aber direkt an der Ausfallstraße, raus aus Wien. In meinem Zustand nicht ideal, noch eine solche Strecke zu absolvieren, aber eher käme ich fußläufig dort an, als dass ich an dieser Tankstelle eine reelle Chance hätte, wegzukommen. Auf das „Warte mal.“ des jungen Mannes habe ich mich aber nochmal wieder zu ihm umgedreht und ein paar Sneakers in die Hand gedrückt bekommen. Er habe diese seit gut zwei Jahren im Auto, brauche sie seit dieser Zeit nicht mehr und habe wohl immer im Kopf gehabt, sie irgendwann jemandem zu geben, der sie brauchen könne. Gut, sie waren mir vier Nummern zu groß, aber lieber das oder auch zehn Nummern, als eine halbe zu klein. Ich hatte wieder Schuhe. Für eine angemessene Form der Dankbezeugung fehlte mir inzwischen die Kraft, aber ein Freudestrahlen schlecht sich selbst noch in die müdesten Augen, was ihm nicht entgangen ist. Als ob diese Schuhe noch nicht genug wären, hat er daraufhin gesagt, er könne ruhig etwas später zur Arbeit kommen und mich auch noch eben zu dieser Tankstelle bringen.

 

Epilog: Angekommen an der Tankstelle, die mich rausbringen würde aus Wien, raus aus Österreich und wieder Deutschland entgegen, muss ich dem Tankwart aufgefallen sein. Ein Tramper, mehr tot als lebendig, der sich humpelnd in deine Tankstelle schleppt, scheint in Wien kein zu alltäglicher Anblick zu sein, um nicht aufzufallen. Auf seine Nachfrage, was passiert sei und nachdem ich meine Geschichte erzählt hatte, bot er mir an, den Rest der Nacht dort zu verbringen und mich anschließend mit zu sich zu nehmen. Er würde mich zu seiner nächsten Schicht wieder mit noch dort bringen, sodass ich es nach Deutschland schaffe, und bis dahin könnte er mir ein Bett anbieten, eine Dusche und etwas zu essen.

 

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