Victory

 

Heute Morgen ging's früh raus, Martin hat mich mit dem Auto zurück zum Bahnhof gebracht und mir, da er mich diesmal nicht mit in den Zug nehmen konnte, eines seiner Tickets geschenkt. Vorher hab' ich mich noch erkundigt, wie genau das Ticketsystem hier in Paris eigentlich funktioniert, da er mich gestern schon nebenbei gefragt hat, ob ich zahlen wolle für ein Ticket oder ob es mir was ausmachen würde, so in den Zug zu kommen. Das Ticket wird bei einer Drehkreuzschranke, wie man sie aus amerikanischen U-Bahnen kennt, eingescannt, danach kann man sich auf dem Areal frei bewegen, da es anschließend kaum noch solcher Kreuze gibt. Zum Rauskommen braucht man das Ticket wieder, wenn man nicht auf einen der vielen freien Ausgänge stößt. Ziemlich selten gibt es dann innerhalb der Züge noch Kontrolleure, die aber lediglich gucken, ob man ein passendes Ticket dabei hat, ob es ein gültiges ist scheint für die nicht relevant zu sein. Ich schreibe das jetzt natürlich nur zur Informationsverbreitung als nette Anekdote, da ich mich nie auch nur theoretisch mit dem Gedanken befassen würde, dieses Wissen für irgendwelche Aktivitäten in der Praxis zu nutzen. Das ich, als ich im Zug war, auch erstmal prompt in einer dieser unglaublich seltenen Kontrolleurkontrollen geraten bin, tut sein übriges dazu. Daher weiß ich übrigens, dass es denen ziemlich gleichgültig ist, was für ein Ticket man vorzeigt, solange es von der französischen Bahn ist und für die Strecke passt, auf mehr achten die nicht.

Das Ticket gilt eigentlich nur bis nach Paris selbst, da ich aber nicht das erste Mal hier bin, kennt man die Wege, die man auch danach noch eine Weiteres nutzen kann. In Versailles wurde ich, wie abgemacht, von Elvire abgeholt und zusammen ging's weiter nach Guyancourt. Da Marine in Brasilien verweilt und ihre Eltern nicht im Haus waren, konnte ich diesmal nicht die Nacht über bleiben und wir sind zusammen wieder ab nach Versailles. Unterwegs habe ich, wie auf der Hinfahrt, für Heiterkeit bei meinen Begleitern gesorgt, da ich mit dem Monstrum auf meinem Rücken entweder in der Bustür stecken geblieben bin oder einen herrlichen Vergleich zu einer Schildkröte abgegeben haben muss, die versucht, vom Rücken wieder auf den Bauch bzw. bei mir jetzt, auf die Beine zu kommen. Man lässt sich einmal auf eine Bank nieder, ohne den Rucksack abzustellen, da der Bus sowieso gleich kommt, und sieht sich gleich dem Spott der Umstehenden ausgesetzt, wenn man verzweifelt versucht, wieder hochzukommen. Elvire, echt nicht nett :D

Da ich erst irgendwann im Dunkeln in Paris angekommen wäre, wollte ich für den Abend in Versailles bleiben, um hier noch irgendwas für die Nacht zu finden. In einer Kleinstadt sollten sich mehr unauffällige Stellen für ein Zelt finden. Das Schema, was dann kommt, habe ich ja bereits mehrfach erprobt, nachdem ich mich, wieder einmal, von Elvire verabschiedet habe, habe ich den Rucksack abgesetzt, so platziert, dass er nicht wegkommt, das Schild festgemacht und bin selbst rumgegangen, um was zu finden. Und was soll ich sagen? Victory!

Für alle, die sich jetzt wundern, warum ich im deutschen Teil mit Englisch anfange, wenn ich in der Regel selbst irgendwelche Anglizismen meide, manches klingt im Englischen dann doch einfach besser als im Deutschen und davon abgesehen: Hi Vic :D Gestatten, dass ich vorstelle, Victory, Student an der Sorbonne und mein heutiger Gastgeber.

 

 

Zur Erklärung: Ja, ich bin ein Glückskind. Außerdem gehört das Glück dem Tüchtigen und ich habe auf der Straße einfach irgendeinen Typen angesprochen, ob er wisse, wo ich die Nacht bleiben könne. Zelt und alles hätte ich schon, nur ein Platz zum Aufbauen wär' ganz nett. Der wäre sogar nicht mal weit gewesen, laut Auskunft nur die Straße runter, da da aber öfters mal ganz gerne ein paar Heroinjunkees abhängen, wäre mir was mit vier Wänden und 'nem Dach möglicherweise doch lieber, aber er kenne da wen. Einen Anruf und fünfzig Meter weiter, Vic war zufällig gerade in der Gegend, hatte ich meinen Schlafplatz, wir haben mein Zeugs geholt und los ging's. Auch jetzt wieder hat man mich gefragt, ob ich lieber laufen oder Bus fahren wolle, da man für die hiesigen Busse um die Zeit anscheinend auch keinerlei Ticket brauche, und ein paar Minuten später war ich dann beim Studentenwohnheim und vor seiner Tür.

Da er nicht nur für einen Franzosen echt gutes Englisch spricht, sondern selbst bei uns an deutschen Schulen, die, wie ich inzwischen aus eigener Erfahrung weiß, in Europa mit am besten Sprachkenntnisse vermitteln, ein Einserkandidat wäre, läuft die Konversation flüssig und nach teilweise doch recht schleppenden Gesprächen in letzter Zeit genieße ich jetzt erstmal den funktionierende Austausch mit Gleichaltrigen.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0