Und Zack

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, erst wurde ich mehrfach in die falsche Richtung geschickt, als ich die richtige Autobahnauffahrt gesucht habe, bei der richtigen wurde ich nach ein paar Minuten von der Polizei vertrieben, da anscheinend irgendwo zwischen Ästen versteckt ein für Fußgänger verboten Schild war und sie haben mir geraten, mich an exakt den Ort zu stellen, an dem ich anderthalb Stunden vorher schonmal war und mir gesagt wurde, dort wäre es schlecht, wo ich dann nach einem gefühlten halben Tag schließlich einfach in ein Büro gegangen bin, um mir die Finger wieder aufzutauen, bis ich dann endlich mitgenommen wurde, dafür aber sofort nach Orleáns. Hier stand ich eine halbe Stunde an der Mautstation, zwischendurch bin ich auch da einfach mal reingegangen und habe mich in einen Sessel gefläzt, bis ein Mitarbeiter dieser kam, der mich nach Paris gebracht hat.

Für euch jetzt erstmal zur Erklärung, warum Paris: Wie euch eventuell aufgefallen ist, betreibe ich ja unterwegs einen Blog, wo ich schreibe, wo ich bin, was ich mache etc. und gelegentlich ein paar Fotos hochlade. Da ich mir vor meiner ersten Abfahrt im Oktober überlegt habe, dass ich zu allem Lust habe, aber nicht, jedesmal diese Blogadresse irgendwo aufzuschreiben, wenn sich unterwegs jemand daran Interessiertes finden sollte, habe ich mir ein paar Visitenkarten gedruckt, die ich dann allerdings bei meinem zweiten Aufbruch prompt in meinem Zimmer habe liegen lassen. Mein Bruder hat sie dann zwar zu meinen Freunden in Paris geschickt, als sie, nachdem ich wieder loswollte, aber immer noch nicht da waren, habe ich abgemacht, dass Marine mir Bescheid gibt, wenn sie denn endlich eingetroffen sind und ich dann wiederkomme und sie abhole. Marine ist inzwischen in Brasilien, aber Bescheid gesagt hat sie mir trotzdem, weshalb ich mich jetzt also erneut in die Stadt der Mode aufgemacht habe. Heute war's aber schon zu spät, um noch nach Guyancourt zu fahren, nachdem ich mir St. Germain-l' Auxerrois angeguckt habe, eine unglaublich beeindruckende Kirche irgendwo in Paris, habe danach geguckt, wie ich die Nacht verbringen kann und bin zur nächstgelegenen Uni gefahren, Nanteree in diesem Fall. Hier habe ich wieder mein Schild rausgeholt, zu meinem Rucksack gestellt, diesmal noch meine Handynummer in die Ecke geschrieben, und bin, wie gehabt, zum Infotresen. Den hab' ich gefunden, Leute waren auch drin, aber die Tür war trotzdem zu. Was macht mal also, ohne Bett und Platz für's Zelt? Genau, man sucht sich das nächstbeste Klischee raus und geht zum Zirkus, in diesem Fall gleich nebenan.

Wer jetzt nicht verwirrt sein sollte, wohnt in Paris, für alle anderen: Zirkus Zack. Kommt seit zwanzig Jahren nach Paris, hat seit zwanzig Jahren ein Arrangement mit der Uni und bietet, wie ich später gemerkt habe, seit zwanzig Jahren Studenten die Gelegenheit, in der Manege zu trainieren. Als ich das Zelt gesehen habe, war mein erster Gedanke zwar erstmal, das Klischee der Ausreißer zu überprüfen und zu gucken, ob man da nicht mal eine Nacht unterkommen kann (an alle Ausreißer, eher oder, man braucht Glück; theoretisch wäre es möglich, da der Direktor aber dann automatisch die Verantwortung über euch hat, wenn ihr was anstellt, müsst ihr ihn überzeugen, dass ihr das nicht tun werdet. Bei mir hätte es geklappt, meine juleica (Jugendleiterkarte) war ganz hilfreich dabei, aber es hat sich was wesentlich besseres ergeben), aber nach mehreren Gesprächen mit verschiedenen Akrobaten habe ich das hintenangestellt und bin ab in die Manege.

Das war jetzt die Kurzform, ich bin eig eher zum Zirkus und habe wie geplant gefragt, ob ich eine Nacht dort unterkommen könnte und wurde an den Direktor verwiesen. Den habe ich zwar nicht gefunden, aber im Hauptzelt wurde mir gesagt, ich kann gerne dort warten, er müsse bald dort auftauchen. In der Zwischenzeit habe ich mir das Training der (erstaunlich jungen) Akrobaten angeguckt bis ich irgendwann gefragt wurde – von einem der Akrobaten – ob ich zum Zirkus gehöre. Das riesige „Hä!“ auf meinem Gesicht konnte man mir anscheinend ansehen und da hat sich dann für mich erst rausgestellt, dass die ganzen sehr jungen Akrobaten in Wirklichkeit normal alte Studenten sind, die hier trainieren dürfen, woraufhin ich gefragt wurde, ob ich nicht auch mitmachen wolle und dann ging's dann wirklich in die Manege.

Das allgemeine Aufwärmen hatte ich verpasst, was ich dann für mich nachgeholt habe, wobei ich gleich vom Trainer, diesmal wirklich ein Akrobat von Zack, beobachtet wurde. Was er gesehen hat, hat ihn anscheinend überzeugt, dass ich mir die Vorübungen, die mit der Gruppe gemacht wurden, schenken kann, und mich sofort in seine Gruppe geholt (Sportnote auf dem Abizeugnis 1+, scheint sich auszuzahlen :D). Nach Bodenakrobatik ging es nach nochmaligen Aufwärmen ans Trapez und nach der Erfahrung finde ich das, was die Akrobaten während der Vorführungen leisten, noch um einiges bewundernswerter, da es unglaublich anstrengend ist, also noch wesentlich mehr, als man sich das generell schon vorstellt. Aber nichtsdestotrotz kann ich jetzt einige Kunststücke auf dem Trapez und habe mir jetzt schon vorgenommen, sollte ich unterwegs wieder einen Zirkus sehen mit dieser Möglichkeit, ich bin dabei. Danach ging's noch, diesmal als Solotraining weil ich ein dort hantierendes Mädel gefragt hatte, an diese Tücher, die von der Decke hängen und in die man sich kletternd einwickeln und rumwirbeln kann und einiges mehr. Beim Trapez war ich besser, da bin ich zumindest nie von halber Zelthöhe wieder runtergefallen, weil ich abgerutscht bin, aber mit etwas Übung habe ich zumindest auch hier die Basics hinbekommen. Was ich ursprünglich wollte, weswegen ich überhaupt zum Zirkus gegangen bin, habe ich dann gegen Ende auch noch gefunden, ich habe einen Deutschen kennengelernt, der seit einigen Jahren als Physiker in Paris arbeitet und mich zu sich eingeladen hat.

Nach längerer Zug- und anschließender Autofahrt wurde ich in Martins Haus erstmal von einem haarigen Geschoss begrüßt, so schnell habe ich selten eine Katze durch die Luft fliegen sehen. Verschwunden ist sie in einem Schrank, der eine Direktverbindung nach draußen hat, sodass er mir überhaupt erst sagen musste, dass es eine Katze war. Da er nur ein Haustier hat, wurden mir weitere Überraschungen dieser Art erspart und beim anschließenden Abendessen habe ich gleich mal nachgefragt, wie es denn einen deutschen Physiker nach Paris verschlägt. Antwort: Leute, studiert Physik! An guten Physikern herrscht anscheinend ein solcher Mangel, dass guten Leuten Jobangeboten vll nicht zufliegen, aber trotzdem mit schöner Regelmäßigkeit was reinkommt. Das neuste aus Dresden hat er vor zwei Tagen abgelehnt, davor gab es noch drei.... Man hört zwar immer wieder von Fachkräftemangel, wenn man das dann aber mal selbst so sieht hat das nochmal eine andere Qualität. Für mich führt der nächste Weg jetzt aber nicht ins Studium, sondern morgen früh nach Guyancourt, sodass ich's hier jetzt mal sein lasse, um mir morgen endlich meine Karten abzuholen.

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