Tourstour

Diesmal lag's nicht an Faulheit, sondern am genauen Gegenteil, ich habe diese Woche einfach so viel gemacht, dass ich abends selten die Zeit gehabt hätte, hierfür noch was zu schreiben, sodass ich jetzt versuche, diese Woche in einem Artikel nachzuholen. Da ich doch einiges wieder erlebt habe, stellt die Chips weg und holt euch lieber eine vollweritge Mahlzeit, so mit Vorspeise, Hauptgang und Dessert, könnte was länger werden:

Nachdem ich Dienstag einen ersten Blick auf die Stadt und die vorhandenen Möglichkeiten haben konnte und einen ersten Eindruck von Leo bekommen habe, habe ich Tours in den letzten Tagen kennen- und ihn wirklich zu schätzen gelernt. Die Altstadt ist vergleichbar mit der Lenneps, echt Mittelalter mit unzähligen Gässchen und Winkeln, wobei die Stadt selbst natürlich ursprünglich römisch war. Neben der Basilika Sankt Martin (ja, der Martin aus dem Lied, später mehr), dem Botanischen Garten, der Kathedrale, der besagten Altstadt und einigen anderen Sachen, war für mich in der Zeit hier der hiesige Wochenmarkt im Nachhinein am Relevantesten , da ich, Leos Idee, hier über sieben Kilo frischen Obstes und Gemüse bekommen habe.

Bis Tours habe ich mich ja eher an Bäckereien und Restaurants und etc. gehalten, was auch hier wieder wunderbar funktioniert hat, sodass ich unter der Woche gelegentlich dafür sorgen konnte, dass wir nicht noch extra kochen mussten, auf meine hypothetische Mutmaßung hin, dass es in der Art eigentlich auch mit Wochenmärkten klappen müsste, hat Leo mir gesagt, wann der nächste ist, zufällig am nächsten Tag, ich bin hin und mit vier vollen Kisten und sieben Kilogramm frischen Sachen wiedergekommen, untere anderem Brot und Hähnchen. Zur Erklärung, achtet beim nächsten Frischeinkauf vll mal selbst drauf, wenn auf einem Tisch fünfzig frische Äpfel liegen und einer mit einem kleinen braunen Tatschen, kauft den keiner mehr, d.h. die Händler müssten den wegschmeißen. Lässt sich äquivalent jetzt mit diversen anderen Sachen sagen, es kommt also echt was zusammen. Da niemand gerne gute Lebensmittel wegwerfen wollen wird, die Händler aber auch nicht alles selber essen können, sind sie in der Regel sogar froh, wenn dann ein Tramper kommt und nach sowas fragt. Da dann noch dazu kommt, dass viele anschließend immer noch so viel haben, dass sie sich beim späteren Zusammenräumen nicht für einzelne, runtergefallene achen bücken wollen, ergeben sich vier Möglichkeiten für einen Markt: zuerst dreht man eine Runde und spricht mit den Händlern und fragt nach den genannten Sachen. Entweder sagen sie, sie haben gerade was da und man kriegt sofort was (1) oder sie sagen, ich hab' bestimmt was, komm' einfach später beim abbauen nochmal, ich leg' dir raus, was ich so finde (2). Wenn man dann später wiedergekommen ist und sich bedient hat, bleibt geht man dann natürlich nicht sofort nach Hause, sondern wartet auf dem Markt, schlendert durch die Stände und dreht einfach so für sich seine Runden. Da die Händler nämlich allesamt am Packen sind, fällt ihnen dabei immer wieder nochwas in die Hände und wenn du dann zufällig in der Nähe bist, rufen sie dich und geben dir, was sich halt so gefunden hat (3). Wer dann immer noch nicht genug hat, dreht, wenn alle weg sind, noch eine letzte Runde über den Platz, möglichst bevor die Stadtreinigung alles weggeblasen hat, und staunt, was für Mengen sind immer noch finden (Beispiel für Radieschenfans wie mich, ich habe bestimmt zwanzig Radieschen gefunden insgesamt) (4). Nachdem ich danach gesehen habe, was alles zusammengekommen ist und einen Kollegen über den Platz laufen sehen habe, habe ich zwei meiner fünf Mangos sofort wieder weitergegeben und diverses anderes Zeugs, im Tausch gegen einige Litschis. Das meiste Gemüse haben wir in der Wohnung zusammengekocht und hatten genug Suppe bis Ende der Woche.

Zurück zu Mittwoch, das war eig erst Donnerstag, nach dem Stadtrundgang sind wir, wie am Vortag angekündigt, wieder in seine Lieblingsbar, in der Spezi übrigens so bekannt war wie in den meisten anderen Orten, die ich bisher besucht habe, nämlich überhaupt nicht, und haben gespielt. Da wir zum angekündigten Großen Spieleabend noch zu früh waren, er sogar noch früher als ich, wir hatten uns getrennt und ich habe mir noch unfreiwillig einen Gutteil mehr der Stadt angeguckt als ursprünglich von mir beabsichtigt :D, erst zu zweit und verschiedene teilweise uns beiden unbekannten Spiele, anschließend zu zwanzig ungefähr, eine Art Ratespiel zu diversen Nonsensfakten in verschiedenen Teams, war echt lustig, und nachts noch zu fünft, irgendein Gaunerspiel, in dem man die Herrschaft der Unterwelt an sich reißen musste. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass ich hier haushoch gewonnen habe ;D Am nächsten Tag bin ich alleine durch die Stadt gezogen und habe die Gelegenheit genutzt, das Grab des Mannes zu besuchen, über den seit Generationen schon gesungen wird. Die ursprüngliche Martinsbasilika ist zerstört worden und war bis dahin eine der größten Kirchen der Welt, aber auch die Nachfolgerin ist ganz nett anzusehen. Die Hauptstraße, die Altstadt, Park, Flussufer etc. waren fototechnisch recht schnell abgearbeitet, angeguckt hatte ich's mir ja schon vorher, wobei ich auch jetzt immer wieder neues entdeckt habe, sodass ich anschließend rechtzeitig wieder zurück war, um zum Rockkonzert zu gehen. Angekündigt war eine lokal recht berühmte Band, weshalb wir zwar noch einen Platz in der Kneipe bekommen hatten, aber beide gesagt haben, die zu hörende Musik ist es uns nicht wert, diese Enge und Luft dafür zu ertragen. Auf dem Weg zu irgendeiner anderen Möglichkeit, den Abend nett zu verbringen, sind wir einigen von Leos Freunden in die Arme gelaufen, die sich eine Pizza holen und einen netten Abend Zuhause machen wollten, wozu wir spontan eingeladen wurden.

Mit der Pizza sind wir später in einem netten Altstadthaus angekommen und es hat sich gezeigt, dass die beiden Jungs die Hälfte einer Band darstellten, weshalb wir dann gleich nach dem Essen noch Livemusik hatten. Da mehrere von uns gern reisen, sind uns die Gesprächsthemen nicht ausgegangen , sodass wir insgesamt einen echt schönen Abend hatten. Anderntags waren wir im Kino, in französischen Kinos laufen scheinbar sogar einige englische Filme, wer Lust hat, „Nächster Halt: Fruitvale Station“ lohnt sich. Chronologisch jetzt irgendwo rausgefallen ist mein Besuch bei Leos Theaterprobe in der Aula seiner Uni. Anfang der Woche hatte ich ja erwähnt, dass er Theater spielt, welche Art, habe ich selbst erst dabei erfahren. Ich selbst habe bisher immer das althergebrachte Theater gespielt, zuletzt „Romeo und Julia“ und generell immer sowas in der Richtung mit festen Drehbücher, die man zwar an die jeweilige Situation anpasst und den Text ein wenig ändert und mal was rausstreicht, aber das Stück an sich bleibt so wie es ist. Leo jetzt spielt modernes Theater, sie schreiben das Stück selbst und mich hat es ziemlich an Expressionismus oder generell an moderne Kunst erinnert. Bisweilen ist es ganz nett anzusehen, aber im Großteil der Fälle kann ich einfach nichts damit anfangen. Hier war es glücklicherweise so, dass ich zumindest ein wenig damit anfangen konnte, den wirklichen Inhalt habe ich allerdings erst verstanden, nachdem Leo mir gesagt hat, worum es eigentlich geht, davor dachte ich, es verstanden zu haben, war thematisch aber doch um einiges daneben :D

Ich dachte erst, es geht vll um Züge und Reisen, andere Kulturen etc. eigentlich ging es um Film und moderne Medien, aber da die Truppe unter anderem einen Zug dargestellt hat, finde ich, aufgrund fehlender Sprachkenntnisse um den wenigen Text zu verstehen, hätte ich auch durchaus Recht haben können. Aber in jedem Fall war es gut und sehr beeindruckend, dass sie alles selbst machen, das Drehbuch, das Bühnenbild, die akustische Untermalung etc. Für mich muss ich allerdings sagen, mir liegt das klassische Theater doch mehr, aber vll gehe ich irgendwann mal in Deutschland in ein modernes Theaterstück, wenn ich zusätzlich den Text verstehe, ändert sich das ja möglicherweise irgendwann mal.

Das Highlight der Woche hier war ein Spieleabend in Leos Spielclub. Ja, mit Spielclub sind wirklich Brettspiele und dergleichen gemeint, man trifft sich wenigstens einmal in der Woche zusammen in einem Gemeindehaus war das glaub' ich und spielt und an dem Abend durfte ich mal mit. Mit vll zwanzig Leuten an mehreren Tischen mit diversen Spielen, sodass wirklich für jeden was dabei war, haben wir erst verschiedene kürzere Spiele gespielt, bis Leo dann mit einem Karton kam und nicht wortgemäß, aber in diesem Sinne gesagt hat „Genug mit dem Kinderkram, jetzt wird mal richtig gespielt.“ Ich kann weder Namen noch Regeln dieses Spiels wiedergeben, beim Namen liegt an der Sprache, bei den Regeln, dass es so unglaublich komplex war. Es gab ein Hauptspielfeld, das subtile Ähnlichkeit mit der Brettspielvariante von „Die Siedler von Catan“ hat, also mit verschiedenen Untergründen auf einer fiktiven Welt. Auf mehreren Nebenspielfeldern gab es die Möglichkeit, Extrapunkte zu sammeln. Jeder Spieler war eine von zwölf Kulturen, wobei sich zwei Kulturen jeweils einen Startuntergrund teilen, sodass immer nur eine davon gespielt werden kann. Zum Nachrechnen, es gibt also maximal sechs Spieler und sechs verschiedene Landschaftstypen. Jede Kultur hat verschiedene spezielle Fähigkeiten und muss versuchen, die anderen, für sie unpassenden Landschaften, in ihrem Sinne zu kultivieren und zu einer von ihr übernehmbaren Landschaft zumachen. Das kostet jeweils verschiedene Ressourcen, die sich entweder bedingt durch die Fähigkeiten oder Bauwerke, die man errichten kann, wieder auffüllen. Dann gibt es noch spezielle Karten, die verschiedene Effekte haben, man bekommt entweder mehr Arbeiter, mehr Ressourcen, mehr Mana (wenn's unbekannt sein sollte, eine Art magische Energie) und ähnliches. Das Spiel geht über mehrere Runden, in denen es jeweils einen Schwerpunkt gibt, der wieder etwas bestimmtes bewirkt und Ziel des Spiels ist es natürlich, die meisten Siegpunkte zu erhalten, die sich aus allem genannten und noch einigem mehr zusammensetzen. In der zweiten Runde wurde ich sogar Zweiter und war fast Punktgleich zum Gewinner, aber fragt mich nicht, wie ich das geschafft habe :D Ein Spiel dauert um die drei Stunden übrigens.

Nach drei Runden damit haben wir, inzwischen die einzigen im Gebäude, zur Entspannung noch was leichteres gespielt, als global agierender Unterweltboss musste man entweder die Herrschaft der Unterwelt an sich reißen (klingt ähnlich was das vorhin schonmal erwähnte Spiel, ging aber vollkommen anders) und nochsowas in der Art. Angefangen haben wir zwischen acht und neun abends, gegangen sind wir gegen elf Uhr morgens ;D

Das war's dann eigentlich schon an Programm diese Woche, abends haben wir in der Regel Schach gespielt oder das selbstgebaute Spiel. Den Namen hab' ich immer noch nicht wieder, die Regeln in Kurzform gehen wie folgt: Das Spielfeld ist quadratisch mit 6x6 Feldern, die runden Spielfiguren auf jeder Seite bestehen aus zwei mit einem Punkt in der Mitte, zwei mit einem Kreis und einem Punkt in dessen Mitte und zwei mit einem Kreis, einem Kreis in diesem Kreis und einem Punkt in der Mitte. Die mit dem Punkt dürfen jeweils ein Feld versetzt werden in eine beliebige Richtung, wobei diagonal generell nicht möglich ist, die mit einem Kreis zwei Felder und die mit zwei Kreisen drei, wobei es beispielsweise auch möglich wäre, ein Feld zurückzusetzen, eins zur Seite und eins wieder nach vorne, also wirklich beliebig, aber pro Zug darf kein Feld doppelt benutzt werden. Endet die Bewegung eines Steines auf einem anderen, darf dessen Bewegungsradius hintenangehängt werden, endet man wieder auf einem Stein erneut usw. Alternativ ist es auch möglich, den Stein, auf dem man endet, auf eine beliebige andere Stelle des Spielfeldes zu setzen. Zu Beginn muss immer einer der Steine gewählt werden, der am nächsten zu einem liegt, d.h. Es dürfen auch die ursprünglichen Steine des Gegners genutzt werden, wenn diese näher zu einem liegen als die ursprünglich eigenen. Ziel des Spiels ist es, dass der Spielzug mit der letzten möglichen Bewegung auf der Linie hinter der letzten endet (das Originalspielfeld besteht eigentlich aus 38 Feldern, dem 6x6 Spielfeld und jeweils einem einzigen Feld hinter der jeweils ersten bzw. letzten Reihe, was das Ziel darstellt). Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Taktiken und man muss höllisch aufpassen, dass man seinem Gegner nicht irgendwie den Sieg ermöglicht, sodass man eigentlich alle möglichen Züge des Gegenspielers durchgehen muss, bevor man seinen Stein setzt und gleichzeitig überlegt, wie man selbst aus dem gesetzten Stein Nutzen ziehen kann. Klingt jetzt erstmal kompliziert, ist es auch, aber es macht unglaublich viel Spaß.

Am letzten Abend haben wir uns unsere jeweilige Ausrüstung gezeigt, er hatte auch einiges und wollte mal bei mir sehen, was ich so für nötig erachte, dabeizuhaben bei diesem Trip und er hat mir noch eine spezielle Flasche geschenkt, die ich direkt an meinen Wasserfilter schrauben kann.. Am nächsten Morgen, also heute jetzt gerade eben, musste er wieder zur Uni, ich habe wieder gepackt und ziehe jetzt gleich weiter, wieder Richtung Paris. Wünscht mir Glück, ich bin wieder unterwegs.

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